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Anfang 2009 erschien im Verlag Mediendienste Olaf Lezinsky meine Audio Hörbuch Doppel CD gleichen Namens.

Mehr unter www.klostershop24.de

Hier eine Rezension aus der "Die Tagespost" vom 14.2.2009

Heiligenbiographien Texte zur meditativen Betrachtung
VON GEORG ALOIS OBLINGER
Es sind besonders die alten und kranken Menschen, die den Hunger nach geistlicher Nahrung verspüren. Christliche Radio- und Fernsehsender haben dies erkannt und bieten Gottesdienste, meditative Sendungen sowie christliche Kultur, wofür gerade jene Menschen dankbar sind, die sonst keine Veranstaltungen besuchen können. Ebenso haben sich viele Buchverlage dieser Klientel angenommen und geistliche Literatur im Großdruck veröffentlicht. Eine große Chance bietet hier aber auch das Hörbuch. Der Verlagsservice Lezinsky hat vor einem Jahr eine CD veröffentlicht, auf der ganz schlicht der Rosenkranz gebetet wird; nahezu ohne Werbung war nach kurzer Zeit die erste Auflage vergriffen. Der Kaufmann und freie Journalist Olaf Lezinsky bietet in seinem Verlagsservice eine kleine, aber feine Auswahl geistlicher Texte – nicht nur, aber auch für die erwähnte Zielgruppe. Hat er bisher christliche Klassiker von Berufsschauspielern sprechen lassen, so bietet die neueste Doppel-CD 12 von ihm selbst verfasste Heiligenbiographien: eine für jeden Monat. Die Texte sind historisch, theologisch und spirituell anspruchsvoll, zugleich aber oftmals sehr persönlich gehalten. Hier spricht jemand von dem, was ihm selbst am Glauben wertvoll ist. Da Olaf Lezinsky selbst erst 1994 zum Katholizismus konvertierte, ist es spannend, wie er als ehemaliger Protestant sich der katholischen Heiligenverehrung nähert. Gleich im ersten Kapitel thematisiert er die Gottesmutter Maria, die er als kritischen Menschen vorstellt, welcher trotz Unverständnis und bleibender Fragen bereit ist, dem Wort Gottes zu glauben und auf dieses Wagnis sein Leben zu bauen. Mehrfach wählt Lezinsky einen mittelalterlichen Heiligen aus und nutzt dies, um die Worthülse vom „finsteren Mittelalter“ zu entkräften. Der Hörer erhält eine Einführung in das Denken des Mittelalters und kann von daher einen Anselm von Canterbury oder einen Beda Venerabilis erst verstehen. Insbesondere wird deutlich, wie bei diesen Menschen und ihren Werken die logische Argumentation im Vordergrund steht. Dem Verfasser der Heiligenbiographien ist es ein großes Anliegen, aufzuzeigen, wie rationales Denken und Glauben einander bereichern können. Oftmals werden auch Legenden erzählt, die zwar nicht im historischen Sinn einen Wahrheitsanspruch erheben können, allerdings Wahrheiten einer tieferen Ebene zur Sprache bringen. Da von einigen Heiligen wenig Biographisches bekannt ist, fragt Lezinsky in einem eigenen Kapitel, ob man denn an Heilige glauben kann, die es womöglich nie gegeben hat. Als Antwort stellt er gerade hier die ekklesiale Dimension der Heiligenverehrung heraus. Wer die Heiligen verehrt, tritt in Verbindung sowohl mit Gott als auch mit der Kirche. Die meisten dieser meditativen Betrachtungen schließen deshalb auch mit Gebeten aus dem katholischen Gottesdienst. Besonders unkonventionell ist das letzte Kapitel, das Jesus von Nazareth als Heiligen behandelt. Der Blick auf ihn zeigt erst, was Heiligkeit im tiefsten Sinne bedeutet. Er ist schließlich der „wahre Gott vom wahren Gott“ – der Heilige schlechthin.
Olaf Lezinsky, 12 Heilige für das Jahr, Verlagsservice Lezinsky, 2 Audio CDs, zusammen 121 Minuten, € 13,80.

www.youtube.com/watch?v=DFbo8KTncTk

-         Januar, die Gottesmutter Maria

-         Februar, Blasius

-         März, Turibio von Mongrovejo

-         April, Anselm von Canterbury

-         Mai, Beda der Ehrwürdige

-         Juni, Margarete Ebner

-         Juni, der Völkerapostel Paulus von Tarsus

-         Juli, Ignatius von Loyola

-         August, Dominikus

-         September, Nikolaus von der Flüe /Bruder Klaus

-         Oktober, Teresa von Avila

-         November, Cäcilia, Felicitas, Katharina von Alexandrien

-         Dezember, Jesus von Nazareth

-         Hedwig von Schlesien



Diese Texte sind ursprünglich fast alle für die Pfarrnachrichten der Dominikanergemeinde St. Paulus in Berlin Moabit geschrieben und erst dann auch an anderer Stelle veröffentlicht worden ( www.dominikaner-berlin.de ) Daher gibt es gelegentlich eine lokale Anspielung. Bei redaktioneller Verwendung würde ich mich über ein Honorar (wenn möglich) und ein Belegexemplar freuen.

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1. Januar – Hochfest der Gottesmutter Maria

Am 1. Januar feiert die Kirche, die irdische, und wie wir annehmen dürfen auch die himmlische, das Hochfest der Gottesmutter Maria. Nicht ihr Namen, nicht die Verkündigung an Sie, nicht ihre unbefleckte Empfängnis, auch nicht ihre Himmelfahrt wird begangen, sondern Maria wird als Gottes Mutter gefeiert. Theologisch korrekt heißt es eigentlich „Gottesgebärerin“, denn Maria war ja nach unserem Glauben keine ganz normale Mutter. Aber die Volksfrömmigkeit ist – Gott sei Dank - hartnäckiger als alle Theologie und so setzte sich  im Sprachgebrauch die „Gottesmutter“ durch.

Der Schreiber dieser Zeilen ist nicht katholisch aufgewachsen und als Konvertit hat man es oft nicht leicht, sich dem Mariengeheimnis anzunähern. Dabei stört nicht eine mitunter übertrieben kitschige Marienverehrung. Im Gegenteil: Wer in der kargen Schmucklosigkeit protestantischer Gotteshäuser groß wurde, dem kann es in Glaubensdingen gar nicht katholisch und bunt genug zugehen. Trotzdem wird das, was man nicht mit der Muttermilch aufgenommen hat, nur schwer in einem lebendig. Einige polnische Christen, die ich kenne, reden grundsätzlich nur von der Mutter Maria und daraus spricht eine Innigkeit, die ihresgleichen sucht und mir kaum nachvollziehbar ist.

Hilfreich mag sein, dass auch einige Kirchenväter durchaus ein gespaltenes Verhältnis zu Maria hatten. Man warf ihr Zweifel am Wort Gottes vor. Die Jungfrau sprach zum Engel Gabriel zwar ihr „fiat“, das berühmte „Es sei“, aber fragte auch gleich nach, wie das denn mit der Empfängnis ohne Mann funktionieren solle. Auch, dass Maria nach der Empfängnis Jesu zu ihrer Base Elisabeth ins Gebirge von Judäa lief, wurde ihr gelegentlich angekreidet.. Der Gottesbote hatte ihr mitgeteilt, dass selbst die alte Elisabeth schwanger geworden sei. Nun habe sie diese unglaubliche Geschichte nachprüfen wollen um auch die, an sie ergangenen Ankündigungen besser glauben zu können. Origenes, einer der genialsten Schriftdeuter der christlichen Antike hat eine für unsere Ohren revolutionäre Deutung für eine andere Bibelstelle parat: Der greise Simeon verkündet Maria im Tempel (Lukas 2, 33), dass einmal ein Schwert ihre Brust durchdringen wird. Wir sind gewohnt darunter das Mutterleid zu verstehen, das Maria beim Tod ihres Sohne empfand. Origenes aber sagt: „Dürfen wir annehmen, dass, nachdem selbst die Apostel an ihm (Jesus) irre wurden, die Mutter des Herren davor bewahrt wurde, an ihm Anstoß zu nehmen?“ Selbst Maria, so Origenes, habe an ihrem Sohn gezweifelt, als er den schmählichen Kreuzestod erlitt! Und selbst Jesus ruft am Kreuz nicht nach der Mutter, er ruft nach dem himmlischen Vater. Er trennt sich bewusst und weißt ihr den Lieblingsjünger Johannes als Sohn zu. Das kann man als Akt der Fürsorge sehen. Es kann aber auch eine endgültige Überwindung einer irdischen, schwierigen Beziehung sein, die ihre wahre Vollendung erst bei Gott finden wird.

Das schwierige Mutter – Sohn Verhältnis begegnet uns jedenfalls an vielen Stellen in der Heiligen Schrift. Jesus rüffelt seine Mutter mehrmals recht unfreundlich an: „Weib, was willst du von mir?!“ Oder „Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und tun.“ Man merke auf! Soll Maria etwa nicht das Wort Gottes gehört und getan haben? Wir dürfen vermuten, dass kaum jemand Jesus besser kannte, als seine Mutter. Aber wie Eltern so sind; wenn sie um verborgene Talente ihrer Kinder wissen, dann wollen sie meistens auch, dass diese sie so richtig erfolgreich zur Geltung bringen. Darin kann man sich dann auch selbst ein wenig sonnen. Es ist natürlich Spekulation, aber möglicherweise hat sich auch Jesu Mutter für ihren Sohn als Messias mehr die Rolle eines strahlenden Königs, als die eines herumziehenden Wanderpredigers und leidenden Gottesknechtes gewünscht.

Wir wissen nicht genau, wie es sich abgespielt hat und die aufgeschriebenen Berichte werden immer unterschiedliche Deutungen erlauben. Aber selbst wenn es weniger harmonisch zwischen irdischer Gottesmutter und irdischem Gottessohn zuging, als manche Generation annahm, dann bleibt Maria trotzdem Urbild und Vorbild der Christen. Den auch jeder Christ wird immer wieder zweifeln und sich am irdischen Jesus und seiner Radikalität abarbeiten. Maria ist Vorbild, weil sie in den entscheidenden Momenten trotz aller Zweifel stets ein Ja zu Gott gesprochen hat. Wenn man das bedenkt, kommt man ihr schnell näher.

 

Der Heilige des Monats Februar– Sankt Blasisus

Erstaunen mag es bei manch einem Nicht-Katholiken auslösen, wenn er zufällig einer Messe beiwohnt, an deren Ende den knienden Gläubigen vom Priester unter zu Hilfenahme zweier gekreuzter Kerzen der Blasiussegen gegen allerlei Erkrankungen des Rachenraumes gespendet wird. Warum ausgerechnet dieser Heilige mit seinem sehr speziellen Hilfsangebot bis heute so populär geblieben ist, ist kaum erklärbar. Als einer der vierzehn Nothelfer hilft er auch gegen wilde Tiere und Stürme. Er hat jedenfalls allen Anfechtungen eines wankelmütigen Zeitgeistes widerstanden und auch in diesem Jahr – sein Fest ist am 3. Februar – werden ihn viele dankbar in Anspruch nehmen. Weniger glückliche Zeitgenossen wenden sich ausschließlich an den HNO-Arzt.

Der heilige Blasisus bleibt eine legendäre, jedenfalls historisch kaum überprüfbare Figur, in dessen Lebensgeschichte Idealvorstellungen und tatsächliche Überlieferungen christlicher Milde, Einsiedelei, Wundertätigkeit und Opferbereitschaft eingegangen sein dürften. Zur Zeit der Kaiser Licinius oder Diokletian soll er als Sohn reicher christlicher Eltern, als Arzt und schließlich als Bischof in Sebaste in Armenien gelebt haben. Während einer Christenverfolgung um das Ende des dritten Jahrhunderts wurde er von seiner Gemeinde zur Flucht gedrängt, da er vielen Menschen, egal ob arm oder reich selbstlos beigestanden hatte. Er versteckte sich in einer Hölle und half den Tieren des Waldes ebenso, wie den Menschen. Er befreite sie aus Fallen, pflegte sie  und beschützte sie in seinem Versteck. Einer armen Frau brachte ein Wolf auf Befehl des Blasius ihr geraubtes Schwein zurück. Als man den Heiligen schließlich doch einfing, versuchte ihn der römische Statthalter mit allerlei schönen Versprechungen  (wie heutzutage) und vielfältigen Martern zum Abfall vom Glauben zu bewegen. Unter anderem piesackte man ihn mit Wollkämmen, weshalb er neben seinem Patronat für Ärzte, Bäcker, Bauarbeiter, Maurer, Steinhauer, Gipser, Schneider und Nachtwächter auch in Anliegen des Wollkämmer-Gewerbes angerufen wird. Windmüller und Blasmusikanten baten ihn in Deutschland um Fürbitte, weil sie ihn wegen seines Namens für das Pusten und Blasen für zuständig hielten.

Blasisus und seine Leidensgefährten, sieben Frauen und zwei ihrer Söhne, blieben aber standhaft, schwörte dem Christentum nicht ab und wurde schließlich enthauptet. Vorher soll der Heilige aber zu Gott gebetet haben, dass Menschen mit Hals- oder sonstigen Leiden, die in seinem Namen Gesundheit erbitten, erhört würden. Eine andere Geschichte erklärt seine Wirksamkeit gegen Halskrankheiten damit, dass er einen kleinen Jungen von einer verschluckten und im Hals steckengebliebenen Fischgräte befreit und so vor dem sicheren Erstickungstod bewahrt haben soll. Jedenfalls wurde Blasisus nicht nur bei Halsleiden, sondern auch für das Wohl des lieben Viehs angerufen. Seine Symphatie zu den Tieren mag dafür verantwortlich sein, dass man früher, in seinem Namen kranken Rindern gesegnetes Wasser gab, um sie zu heilen. (Dies dürfte in Moabit aber nie eine große Rolle gespielt haben.) Die Tiere des Waldes jedenfalls sollen nicht weniger um ihren Beschützer getrauert haben, als die Christen um ihren Bischof.

Die St. Blasius Verehrung kann man seit dem 6. Jahrhundert im Ostennachweisen. Der Blasiussegen wird  seit dem 11. Jahrhundert erteilt. In späteren Jahrhunderten wurden an seinem Schrein im englischen Canterbury Wunder beansprucht. Ab dem 14. Jahrhundert wurde er zum Nothelfer. Bekannt ist das Benediktinerkloster St. Blasien, das seinen Namen trägt. Dargestellt wird er u.a. in der Unterkirche von St. Clemente in Rom und im Braunschweiger Dom.

Aus der Heiligenlegende:

Nachdem man Blasius gefoltert hatte forderte ihn der Statthalter Agrikolaos auf, endlich die römischen Götter anzubeten. Der Heilige antwortete: „Ich fürchte dich nicht und werde meinem Gott treu bleiben.“ Daraufhin wollte man ihn in einem Teich ertränken. Blasius machte aber über dem Wasser ein Kreuz und stand darauf, wie auf festem Boden. Seine Peiniger forderte er auf: „Wenn eure Götter wahre Götter sind, so will ich ihre Macht sehen. Kommt zu mir auf dem Wasser.“ Alle fünfundsechzig Männer, die dies versuchten, ertranken dabei.

In alten Heiligenlegenden geht es weniger pastoral und zimperlich zu, als in unserer modernen Glaubensverkündigung. Trotzdem kann man an den Blasisus Geschichten sehr schön erkennen, wie die Heiligenverehrung letztlich immer wieder auf Jesus Christus und die Bibel ausgerichtet ist: Blasius half (und hilft) andern, war aber auch wie Christus hilflos in Todesnot  (vgl. Matthäus Kap. 27, Vers 42). Gott gab ihm sogar einen Glauben und eine Wundermacht, die ihn wie Christus über das Wasser gehen ließ (vgl. Matthäus Kap. 14, V.22ff.). Die Teich-Geschichte außerdem erinnert an die Gottesprobe des Elia und der Baalspropheten auf dem Berg Karmel ( vgl. 1. Könige Kap. 18). Die Blasius Tradition lädt uns dazu ein, uns in einfachem Vertrauen mit einem uralten Segen beschenken zu lassen und an die zahllosen Christen zu denken, die für Gott Schlimmes zu ertragen bereit waren. Auch wenn wir wenig Konkretes über ihn wissen, ist die Figur des heiligen Blasius sicher ein Vorbild.

Quellen: Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg 1994, Das große Buch der Heiligen, München 1978/1996, The Oxfort Dictionary of Saints, Oxford/New York 1992.

Ein Heiliger des Monats März – Turibio von Mongrovejo

Wenn man Berichte über die grausame Eroberung Südamerikas liest oder Filme darüber anschaut, dann fragt man sich oft, warum sich das Christentum dort überhaupt in den Herzen der Menschen verankern konnte. Immerhin war es die Religion, die die Kolonialherren mitbrachten. Wahrscheinlich ist das Bild, das uns von den spanischen und portugiesischen  Konquistadoren gezeichnet wird, oft arg einseitig. Es muss – neben dem bekannten Dominikaner Bartholomeo de las Casas – auch viele andere Zeugen des Evangeliums gegeben haben, die den neuen Glauben „glaub-würdig“ vermittelt haben.

Einer von ihnen war der Spanier Turibio Alfonso von Mongrovejo. Sein Leben weist einige Kuriositäten auf. Geboren 1538, war er schon als junger Mann sehr fromm und wurde nach seinem Studium an der berühmten Universität von Salamanca ein bedeutender kirchlicher Rechtsgelehrter. Seine Ruf als Kanoniker war so groß, dass er vom spanischen König Phillip II. ab 1570 bald für wichtige kirchliche Ämter ausgewählt wurde. Unter anderem machte man ihn zum Vorsitzenden der kirchlichen Gerichtsbarkeit. Zufrieden damit, wie der Gelehrte seine Aufgaben erfüllte, ernannte ihn der König einige Jahre später zum Erzbischof von Lima in der spanischen Kolonie Peru. Papst, Bischofskollegium, Laiengremien und diözesane Pastoralforen hatte zu dieser Zeit in Spanien nicht allzu viel zu melden! Die Sache hatte nur einen Haken, denn Turibio war immer noch Laie, und bekanntlich darf nur ein Priester die dritte Stufe des Weihesakraments, nämlich die Bischofsweihe, für alle anderen empfangen. In aller angemessenen Höflichkeit, aber doch nachdrücklich, wies der fromme Mann seine Majestät auf diesen kleinen Formfehler hin und wagte auch anzumerken, dass er sich selber für unwürdig halte. Der Monarch, immerhin zu seiner Zeit der „Allerkatholischste“, löste das Problem souverän: Er ließ Turibio, ehe der sich versah, schwupps, zwei, drei erst zum Priester und dann zum Bischof weihen. Priestermangel wie heute, gab es unter solchen Umständen keinen. 1580 setzte man ihn auf ein Segelschiff. Die beschwerliche Fahrt über ein von englischen Piraten verseuchten Ozean in ein flächenmäßig riesiges und seelsorgerlich verwahrlostes Bistum begann. Es sollte die erste von vielen mühseligen Reisen werden.

1581 in Lima angekommen, entfaltete der „Jungpriester“ und Erzbischof schnell eine rege pastorale Tätigkeit, die man einem Kirchenrechtler kaum zutraut. Von Anfang an sah er sich vor allem als ein Anwalt der Armen und als Verfechter einer Reform der desolaten kirchlichen Zustände. Alleine seine erste Visitationsreise dauerte sieben Jahre. Und das unter äußeren Umständen, die heute kein Veranstalter von Abenteuerreisen seinen gut ausgerüsteten, zivilisationsmüden Kunden zumuten würde. Straßen und Unterkünfte waren Mangelware, Dschungel, Insekten, wilde Tiere und Rabauken gab es im Überfluss. Insgesamt verbrachte er von seinen 25 Jahren als Erzbischof 17 Jahre auf Reisen und soll dabei jeden noch so abgelegenen Winkel seines Bistums besucht haben. Er gründete Priesterseminare, um den werdenden Geistlichen wenigstens ein Mindestmaß an Bildung vermitteln zu lassen, und bekämpfte unnachsichtig zahlreiche Skandale im Klerus. Er stritt für die Rechte der unterdrückten Indios und legte sich mit den Kolonialbehörden an. Er lernte schwierige Indiosprachen, um den oft nur hastig christianisierten oder heidnischen Indianern die frohe Botschaft von Jesus Christus in einer ihnen verständlichen Sprache zu predigen. Er taufte und ermahnte. Nebenbei veranstaltete er drei Konzilien und dreizehn Diözesansynoden, auf denen man Erfahrungen aus allen kirchlichen Arbeitsfeldern austauschte. Um den Bau und die Ausschmückung der Kirchen machte er sich ebenfalls verdient und war er berühmt für seinen eigenen tiefen Glauben. Die Quellen sind sich uneinig über den genauen Ort seines Todes. Die einen sagen, es sei in Lima gewesen, die anderen sprechen davon, dass er auf einer Reise in ein Indianerdorf die Augen schloss. Der 23. März 1606 sein Todestag, der nach der Reform des Heiligenkalenders auch sein Festtag wurde (früher 27. April). Turibio wurde 1726 heiliggesprochen, aber lange Zeit fast nur in Lateinamerika verehrt.

Aus den Überlieferungen: Einmal ersetzte Turibio einer Frau, die ihre Börse verloren hatte und deshalb heftig zu fluchen begann, den ganzen Schaden, nur weil er sie vor einer solchen Sünde bewahrt wissen wollte. Während seines ganzen Lebens hat er einen Toten erweckt und mehrere Kranke geheilt. An seinem Grab geschahen weitere Wunder. Vor seinem Tod verteilte er seinen Besitz an seine Diener und Arme. Sein Leichnam soll bei der Übertragung vom Todesort nach Lima auch nach einem Jahr noch unverwest gewesen sein.

Menschen anderer Epochen und ferner Orte werden uns immer wieder fremd sein. Auch aus den vorgetragenen Informationen werden wir niemals ein vollständiges Bild gewinnen. Selbst wenn wir den Heiligen heute so kennen lernen würden, wie er tatsächlich war, käme uns manches sonderbar oder allzu streng vor. Andererseits: Zu allen Zeiten wollen die meisten Menschen am liebsten ruhig und bequem leben. Wenn jemand so viele Strapazen auf sich nimmt wie Turibio, um anderen Menschen auf ihrem Weg zu Gott zu helfen, dann verlangt uns das auch heute Respekt ab.

Das Tagesgebet vom 23. März im Stundenbuch der Heiligen lautet:

Barmherziger Gott, durch die apostolische Arbeit des heiligen Bischofs Turibio und seinen Eifer für die wahre Lehre hast du in Lateinamerika die Kirche im Glauben gefestigt. Gib auch den Christen unserer Zeit neue Glaubenskraft und den Mut zu einem heiligen Leben. Darum bitten wir durch Jesus Christus.

 Ein Heiliger im April - Anselm von Canterbury - Oder: Wir kommen nicht als Engel in den Himmel!

Wozu hat Gott den Menschen erschaffen? Im beginnenden Hochmittelalter schien diese Frage geklärt. Weil durch den Aufstand des Teufels und den Engelssturz (Lukas Kap.10, Vers 18 u.a.) die himmlischen Harmonien in Unordnung geraten waren, schuf Gott die Menschen. Mit der Menge der gerechten und in den Himmel aufgenommenen Seelen sollte zuletzt , die „vollkommene  Zahl“ der Himmelswesen erreicht werden. Es stellte sich aber die Frage, ob es im Himmel mehr gerettete Menschen als ehedem gefallene (böse) Engel geben wird.

Es mag etwas ungewöhnlich sein, sich dem genialen Theologen und Frühscholastiker Anselm von Canterbury durch seine Behandlung dieser Frage zu nähern. Aber an ihr kann man seine außergewöhnliche Herangehensweise gut erkennen. In dem fundamentalen Werk „Warum Gott Mensch wurde“ (Cur deus homo) versucht Anselm ohne autoritäre Rückgriff auf  Bibelstellen, allein durch logische Überlegungen, die obige Frage zu beantworten. Anselm argumentiert, dass es aus drei Gründen mehr gerettete Menschen als böse Engel geben werde: 1. Gott schaffe nichts Überflüssiges und deshalb nichts, nur um etwas anderes zu ersetzen. Also schafft er die Menschen um ihrer selbst willen. Nicht weniger Gerettete als die gefallenen Engel (wegen der vollkommenen Zahl, die nicht kleiner sein kann als vor dem Engelfall), nicht gleichviel (damit sie nicht nur Ersatz sind), sondern eben mehr. 2. Es wird mehr gerettete Menschen im Himmel geben als böse Engel, damit kein geretteter Mensch Grund hat zu glauben, dass er nur deshalb selig werden durfte, weil ein anderes Wesen böse wurde. 3. Es kann bereits vor dem Engelsfall nicht die vollkommene Zahl der Himmelswesen vorhanden gewesen sein. Denn die niedere Natur (Menschen u.a.) und die höhere Natur (Engel) soll zugleich reif für die Vollendung werden. (Was allerdings voraussetzt, dass pünktlich zur Vollendung der Zahl der geretteten Menschen mindestens noch ein weiterer Engel geschaffen wird!)

Wir mögen schmunzeln, weil uns solches Denken als spekulativ und nicht empirisch beweisbar erscheint. Aber im Vorstellungshorizont seiner Zeit wollte sich Anselm auf Vernunftgründe, auf genaues Überlegen verlassen, es sei denn, Gott belehre ihn eines besseren. So auch in der eigentlichen Frage, warum Gott Mensch geworden sei. Die Antwort: Weil die Menschen Gott durch die Erbsünde beleidigt haben, steht ihm „Schadensersatz“ zu. Da Gott unfassbar groß und gut ist, kann kein normaler Mensch den notwendigen Schadensersatz und obendrauf das nötige „Schmerzensgeld“ zahlen. Also muss Gott selber Mensch werden, um als Mensch und Gott das Notwendige zur Wiedergutmachung zu leisten. Diese „Satisfaktionslehre“ ist niemals offizielles Dogma der Kirche geworden, prägt aber (oft zu schematisch verstanden und unbarmherzig interpretiert) bis heute sehr stark das christliche Glaubensdenken.

Anselm war Italiener und wurde 1033 geboren. Als junger Mann hatte er Streit mit seinem Vater, weil er lieber Mönch statt Landadliger werden wollte. Er wandert durch Frankreich und tritt 1060 in das Benediktinerkloster von Bec in der Normandie ein. Der berühmte Gelehrte Lanfranc macht aus dem Scholaren einen respektablen Ordensmann. 1066 erobern die normannischen Herzöge England. Anselm, der 1070 zum Abt von Bec gewählt wurde und in diesen Jahren bedeutende Werke schreibt, wird nach vielen Querelen 1093 als Erzbischof von Canterbury zum höchsten Bischof von England erhoben. Bald beginnen Konflikte mit den englischen Königen, die selber das Recht der Bischofsernennung beanspruchen. Anselm ist kein Diplomat. Er beharrt auf der Eigenständigkeit der Kirche („Die Kirche ist die freie Braut Christi“) und muss zweimal jahrelang ins Exil. In dieser Zeit nimmt er in Italien an Disputationen mit der griechischen Kirche teil. Erst 1107 gibt es einen Kompromiss zwischen dem Papst und dem englischen König. Am 21. April 1109 stirbt Anselm in Canterbury.

Sein theologisches Lehrgebäude orientierte sich stark an Augustinus und an den wenigen, zu diesem Zeitpunkt in Europa bekannten Schriften des Aristoteles. Seine Schriften waren immer auch Frucht der Kontemplation, der Christusliebe und des Gebetes  und keineswegs abgehobene philosophisch-theologische Spekulationen. Weil dem geoffenbarten Wort (Jesus Christus) in der Vernunft des Menschen eine Hörfähigkeit entspricht, kann diese Offenheit der Vernunft im Prinzip auch ohne theologische Vorgaben erwiesen werden. Jede Einsicht braucht zwar den Glauben. Das Streben nach Einsicht („notwendige Vernunftgründe“) gehört aber auch unbedingt zum Wesen des Glaubens dazu. Mit rationalem Denken kommt Anselm zu seinem berühmten „Gottesbeweis“ (heute spricht man lieber von Gottesaufweisen“), den man später den „ontologischen“ (seinsmäßigen) nennen wird: Wann immer jemand den Begriff „Gott“ in den Mund nimmt, kann er sich Gott nur als das Allergrößte denken. Also als das, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Deshalb sei es in sich widersprüchlich, wenn man sagt, dass es Gott nicht gibt, da man ihn damit – ob man will oder nicht - bereits wieder als das höchste Denkbare ausspricht. Der Haupteinwand dagegen lautet, dass man nicht ohne weiteres vom Konzept „Gott“ auf die reale Existenz eines Wesens namens „Gott“ schließen darf. Außerdem ist der Nachweis eines Widerspruchs noch kein Beweis des Gegenteils. Intensiv setzt sich Anselm im „Monologion“ auch mit dem Wesen des Sohnes und der Wesenseinheit und Wesensverschiedenheit von Vater und Sohn auseinander. Wo ein Bild wirklich reines Bild ist, haben wir etwas vor uns, das ganz in der Beziehung zwischen Vorbild und Abbild als absolute Einheit aufgeht. Trotzdem bleibt eine unauflösliche Differenz, weil Vorbild und Abbild nicht identisch sind. Anselm macht sich in seinen „Freiheitsschriften“ auch Gedanken über die „Vereinbarkeit des Vorherwissens, der Vorherbestimmung und der Gnade Gottes mit dem freien Willen (des Menschen).“ Während später im Islam die formalisierte Glaubenspraxis zum wichtigsten Aspekt wird, geht Anselm als christlicher Vordenker einen anderen Weg. Diese Verbindung von Glauben und Vernunft prägt das abendländische Denken fundamental bis heute.

In den Heiligenlegenden begegnen wir zumeist einem milden Kirchenmann, der sich gegen die grausamen und gewalttätigen Erziehungsmethoden seiner Zeit aussprach. Für seine Feinde und Verfolger soll er gebetet und bei deren Tod geweint haben. Er wurde von einem Herzog in Seenot und einem Mönch beim drohenden Verlust eines wertvollen theologischen Buches erfolgreich um Hilfe angerufen. (Das Buch hatte Anselm geschrieben!) 1720 wurde der „Vater der Scholastik“ zum Kirchenlehrer ernannt. Die Kirche betet am 21. April: „Gott, du bist unerforschlich in deinem Wesen, und doch offenbarst du dich den Menschen. Du hast den heiligen Anselm gedrängt, die Tiefe deiner Weisheit zu erforschen und zu verkünden. Gib, dass der Glaube unserem Verstand zur Hilfe komme, damit unser Herz lieb gewinnt, was du uns zu glauben befiehlst. Darum bitten wir durch Jesus Christus.“

Ein Heiliger im Mai – Beda der Ehrwürdige

Der Mai macht es einer Dominikanergemeinde bei der Auswahl eines Monatsheiligen nicht leicht. Abgesehen davon, dass es einer der beiden Marienmonate ist und die selige Jungfrau am 8. Mai auch als Patronin des Predigerordens gefeiert wird, gibt es noch zahlreiche weitere, für den Orden bedeutende Feste. So beispielsweise die  „Übertragung der Gebeine des heiligen Vaters Dominikus“ am 24.5. Aus der Zahl der „normalen“ kirchlichen Heiligen stechen im Mai insbesondere die heilige Johanna von Orleans (zahllosen Romanen, Dichtungen und Verfilmungen sei hier kein weiteres Portrait hinzugefügt), der heilige Athanasius und der Stadtheilige von Rom, Philipus Neri, hervor. Letzterer lehrte die wenig scherzhaft aufgelegte gegenreformatorische Kirche des 16. Jahrhunderts Demut durch Humor und Schabernack. Wir wählen aber noch einmal einen mittelalterlichen Benediktiner aus, der in seiner Bedeutung für die moderne Geschichtsschreibung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Der heilige „ehrwürdige“ Beda, (Beda Venerabilis), wurde insbesondere durch seine „Kirchengeschichte des englischen Volkes“ berühmt, die gleichberechtigt neben der älteren „Kirchengeschichte“ des Eusebius von Cäsarea steht. Er zählt seit 1899 zu den offiziellen Kirchenlehrern.

Beda wurde um 673 in Northumberland geboren, kam mit sieben Jahren als Schüler in ein Kloster und wurde später Mönch in der Abtei von Jarrow. Dort wirkte er als universalgelehrter Schriftsteller, Bibelausleger, Historiker und auch als Berater für die Großen seiner Zeit. Seine englische Kirchengeschichte ist ein Leckerbissen für jeden, der gerne historische Bücher liest. Beda beschreibt zunächst einmal, soweit ihm bekannt, die vorchristliche Geschichte der britischen Inseln und die erste christliche Periode unter römischer Herrschaft. Von ihm ist uns dann vor allem überliefert, wie der Heilige Papst Gregor um 596 den Bischof Augustin und andere Mönche zur Mission auf die fernen Inseln am Rande Europas sendet. Bis heute berühmt und beispielsweise für die ökumenische Diskussion wichtig ist die detaillierte Wiedergabe eines Briefwechsels zwischen Bischof Augustin und dem Papst in Rom. Augustin richtet, angeregt durch die realen Probleme im Missionsgebiet, zahlreiche Fragen an Gregor: Wie teilt man die Kollekte auf? Wie geht man mit Dieben von Kircheneigentum um? Darf es verschiedene Riten und Bräuche beim Gottesdienst (den gallischen oder den römischen) in der neuen Kirche geben? Ab welchem Verwandtschaftsgrad darf geheiratet werden? Darf bei großer räumlicher Entfernung ein Bischof ohne andere Bischöfe geweiht werden? Kann ein Priester das Altarsakrament feiern oder ein Laie es empfangen, wenn er zuvor im Schlaf unkeusche Gedanken („Illusionen“) gehabt hat? Kann eine schwangere Frau getauft werden oder wie lange nach der Geburt darf sie nicht die Kommunion empfangen? Wieder einmal müssen wir bedenken, dass das förmliche Erfüllen der Regeln und das streng kultische Reinheitsdenken den Christen früherer Zeiten ungemein wichtig war. Das haben wir (manchmal aus gutem Grund) oft vergessen und gelten deshalb Menschen anderer Kulturkreise als „religiös verweichlicht“. Gregor rät stets zu einer Kombination aus großer Milde im Rahmen des Machbaren einerseits und notwendiger Strenge sowie Gottes- und Heilsfurcht andererseits: Solange Christus verehrt wird, sei es beispielsweise egal, ob man den gallischen oder den römischen Ritus feiere, wenn es denn ein Ritus der einen allgemeinen Kirche sei. (Der Dominikanertheologe Yves Kardinal Congar zitiert noch 1984 solche Aussagen als wichtige Aspekte in der ökumenischen Diskussion). Beda zitiert Gregor: „In dieser Zeit verbessert nämlich die heilige Kirche einiges durch Eifer, duldet einiges durch Milde, übersieht einiges durch Besonnenheit und erträgt und übersieht nur insofern, als sie häufig das Böse durch Ertragen und Übersehen unterdrückt.“ Nicht vorschnell, so Gregor, solle man deshalb Menschen von der Kommunion ausschließen. Schließlich rät er, dass man den gerade erst christlich gewordenen Briten nicht zuviel zumuten möge. Kirchliche Feste solle man vorzugsweise auf die Tage der alten Feste legen und statt heidnischer Fleischopfer nach dem Gottesdienst schöne Feste feiern. Beda der Ehrwürdige beschreibt auf weiteren hunderten Seiten mit großer Akribie die Geschichte seines Volkes bis in seine Zeit. Er selbst stirbt, bis zuletzt schreibend, am 26. Mai 735. Sein Grab befindet sich in Durham in der Nähe von Jarrow. In England wurde er auch von der reformatorischen anglikanischen Kirche immer gewürdigt.

Den Beinamen des Ehrwürdigen Beda erklärt eine hübsche Legende: Als der alte Mönch schon erblindet war, zog er mit einem Schüler über Land. Der machte sich einem Scherz, wies auf einen Haufen Felsbrocken und sagte seinem Meister, dass vor ihm eine Gruppe Menschen still und andächtig auf eine Predigt warte. Beda verkündete mit Begeisterung das Wort Gottes und endete mit „In Ewigkeit...“, worauf die Steine laut einfielen „Amen, ehrwürdiger Vater.“

Die Kirche betet am 25. Mai: „Herr, unser Gott, du hast deine Kirche durch die fromme Gelehrsamkeit des heiligen Beda erleuchtet. Sein Fleiß sei uns ein Beispiel, seine Weisheit Licht, sein Leben ein steter Ansporn. Darum bitten wir durch Jesus Christus

 Eine Selige im Monat Juni – Margarete Ebner

„Ich habe mich dir gegeben und werde mich dir ewiglich nicht nehmen. Ich bin es allein, der wahre Gott, der dein Herz besitzen soll.... Ich bin deine Wonne auf Erden, und du bist meine Freude im Himmel. Ich habe dich mir auserwählt, um an dir noch viel zu wirken hier und dort.... wozu mich meine große Liebe zwingt. Ich bin es allein, dein Herr und dein Gott, dein einziger Geliebter.“

Diese Worte hat die deutsche Dominikanernonne Margarete Ebner (um 1291 bis 1351) aufgeschrieben, die wir zu den großen Mystikerinnen des Hochmittelalters rechnen dürfen. Ihren Gedenktag begehen wir am 20. Juni. Mystik darf hierbei nicht, wie es häufig in der Esoterik oder im allgemeinen Sprachgebrauch geschieht, mit Mystagogik, Magie oder Geheimnistuerei verwechselt werden. Das kurze Zitat belegt vielmehr, dass es um das unmittelbare Angesprochensein, um das Gespräch und die innige Freundschaft mit Gott geht. Ein Leben in einer solch innigen Gottesbeziehung, vor allem in der Verehrung der heiligen Eucharistie, lebte Margarete Ebner. Sie war mit 15 Jahren in das Kloster Maria Medingen in der Nähe von Augsburg eingetreten und lebte dort vierzig Jahre. Obwohl sie nach allem, was wir wissen, nicht in das Umfeld der klassischen deutschen Nonnenmystik (Mechthild von Magdeburg, Gertrud von Helfta, Hildegard von Bingen u.a.) einzuordnen ist, stand sie in regem Kontakt mit anderen geistlich bedeutenden Menschen ihrer Zeit und gehörte der Bewegung der „Gottesfreunde“ an. Aus ihrer reichhaltigen Briefsammlung ist ein Schreiben von Johannes Tauler erhalten, der zusammen mit Heinrich Seuse und Meister Eckehart zum berühmten „mystischen Dreigestirn“ der Dominikaner gehörte. Vor allem aber war ihr Leben von der Seelenfreundschaft mit dem Weltpriester Heinrich von Nördlingen geprägt. Mit ihm tauschte sie zahlreiche Briefe aus, in denen es um das gemeinsame Wachsen im Glauben ging. Man wird die Beziehung zwischen Margarete und Heinrich in einer Reihe mit Namen wie Benedikt und Scholastika, Franziskus und Klara, Franz von Sales und Chantal oder Abelard und Heloise nennen dürfen. Die wahre, auf Gott ausgerichtete Liebe zeigt sich in diesen „Liebesbeziehungen“ in reiner Klarheit und – man nimmt diesen Begriff heute nur noch selten in den Mund – in Keuschheit. Interessant ist auch, dass der ehemalige Prämonstratenserabt und spätere Predigerbruder Wichmann von Arnstein (1180 – 1270) als wohl erster Vertreter der mystischen Bewegung dieser Zeit auch intensive Kontakte mit der Region pflegte, in der später Margarete Ebner wirkte. Wichmann hatte den Dominikanerorden in der Mark Brandenburg einführt, war aber durch Briefkontakte in allen späteren Zentren der Mystik präsent (Utrecht, Magdeburg und das süddeutsche Ries).

Margarete führte ein geistliches Tagebuch, aus dem wir wissen, dass auch sie, obwohl schon Nonne, erst 1311 ihre „innere Bekehrung“ erlebte. Auch das ist bei Menschen wie ihr nicht ungewöhnlich. Die heilige Theresa von Avila zum Beispiel wurde nach jahrelangem „lauen“ Lebenswandel durch den Anblick einer Statue des Gekreuzigten innerlich zutiefst erschüttert und überhaupt erst fähig zu ihrem großen Lebenswerk. In unserer Zeit berichtete Romano Guardini von seiner inneren Bekehrung in der Berliner Dominikanerkirche, als er einem einfachen Laienbruder beim Kollektieren zuschaute. Ein an sich „banales“ Ereignis kann zum Wendepunkt eines Lebens werden.

Bekannt wurde Margarete Ebner aber vor allem mit ihren „Offenbarungen“, in denen sie ihre Gottesbeziehung in der hochmittelalterlichen Liebessprache, der Sprache der Minne, beschreibt. Dabei spielt aber auch immer wieder die große Betonung von Leiden und Krankheit eine Rolle, unter denen sie selber sehr gelitten hat. Sie wurde, mehr als sechshundert Jahre nach ihrem Tod, am 24. Februar 1979 von Johannes Paul II. selig gesprochen.

Die selige Dominikanerin  betet in ihren Offenbarungen: „Mein Herr, gib mir ein ewiges Genießen der lauteren Minne, wo deine Ehre unsere ewige Speise, und wo dein klarer Anblick unsere ewige Lebensregel ist, wo alle Traurigkeit ein Ende hat und alle Freude gesichert ist aus dem Quell des lebendigen Brunnens.... Gib uns, mein Herr, ein wahres Zunehmen in allen deinen Gnaden, bis wir dazu kommen, dass uns deine göttliche Gnade sei eine ewige Freude und ein ewiger Lohn. Amen“

 Paulus von Tarsus – Der Heilige Paulus – 29. Juni

Der Namenspatron unserer Kirche war wohl alles andere, als ein einfacher Mensch. Wir verehren ihn heute wegen seiner gewaltigen Missionsleistung als Völkerapostel. Sein vermutlich gewaltsamer Tod durch Enthaupten machte ihn zum Blutzeugen, zum Märtyrer und erklärt, warum er auf Abbildungen mit einem Schwert dargestellt wird. Trotzdem bemerkt man bei aufmerksamer Lektüre, dass es zwischen ihm und den, von ihm gegründeten Gemeinden auch viele Auseinandersetzungen gegeben haben muss. Mitunter waren Vermittler nötig, um den Frieden wiederherzustellen und Paulus selbst agierte oft sehr autoritär.

Geboren wurde Saulus, wie er zuerst hieß, um die Zeitenwende im kleinasiatischen Tarsus (heute in der Türkei) Er stammte aus einer jüdischen Familie und besaß von Kindheit an das Privileg des römischen Bürgerrechtes. Er stammte offensichtlich aus vornehmen Kreisen, , und wurde vermutlich in Jerusalem zum pharisäischen Schriftgelehrten ausgebildet. Er könnte Jesus von Nazareth auch persönlich erlebt haben ( vgl.: 2 Kor 5.16). Zunächst verfolgte Saulus mit fanatischem Eifer als Pharisäer die jüdische Absplitterung, die später Christen genannt wird und bekehrte sich wohl um 33 zu Jesus Christus. Aus Saulus wird Paulus. Ob das tatsächlich in einem einzigen Moment, dem „Damaskuserlebnis“ geschah, oder durch seine Beschäftigung mit den „Christen“ vorbereitet wurde, ist heute natürlich nicht eindeutig festzustellen. Nach mehreren Jahren der Vorbereitung, über die man wenig weiß, beginnt er wohl nach dem Apostelkonvent und einem Streit mit Petrus in Antiochien um das Jahr 48 mit seinen insgesamt drei Missionsreisen. Er erlebt und übersteht Schiffbrüche, Verhaftungen, Misshandlungen und Krankheiten und durchstreift große Teile des Mittelmeerraums. Stets zieht er weiter, um das Evangelium zu verkünden. Er versucht sich stets selber zu „finanzieren“, um niemanden zu belasten, sammelt aber auch Geld für die in Not geratene Urgemeinde in Jerusalem. In mehreren Städten spricht er erstmals nicht nur in den jüdischen Synagogen über den Auferstandenen, von dem er Visionen gehabt haben muss, sondern auch vor den „Heiden“. Damit sind die Nicht-Juden, also vor allem die griechisch- und römischsprachigen Menschen gemeint. Das ist bei den ursprünglich jüdischen Jesusanhängern sehr umstritten. Er gründet gegen viele Widerstände einige Gemeinden in bedeutenden Städten. Nach seiner Verhaftung in Jerusalem gelangt er nach abenteuerlicher Reise wohl um 59 nach Rom und stirbt dort vermutlich 64 n. Chr. Über das Wirken des Paulus erzählt uns Lukas in der Apostelgeschichte, oft erstaunlich detailliert. Viele Legenden und Geschichten umranken sein Leben, die zu glauben mehr nutzt als schadet.

Paulus entwickelt eine theologische Lehre, die teilweise revolutionär Neues (z.B. seine Gnadenlehre) mit sehr traditionellen pharisäischen Ansichten (z.B. über die Rolle der Frau) verbindet. Seine oft schwierige Theologie ist uns im wesentlichen durch seine Briefe überliefert, die schon sehr früh gesammelt und als göttlich inspiriert angesehen wurden. Es handelt sich um die ältesten Schriften des Neuen Testaments überhaupt, auch wenn sie hinter den Evangelien stehen. Seine Briefe schrieb oder diktierte er vermutlich zwischen 50 und 61 n. Chr. Zu den, tatsächlich aus seiner Feder stammenden Texten zählt man heute, in der Reihenfolge ihres Entstehens, den ersten Thessalonicherbrief, den ersten und zweiten Korinther-, den Galater- und den Römerbrief. Auch der Brief an die Gemeinde in Philippi und der Einzelbrief an Philemon werden Paulus zugerechnet. In der Heiligen Schrift sammelte man sie in anderer Abfolge. Später schrieben weitere Christen in seinem Stil und unter seinem Namen. Nur soweit sich auch diese Schriften als göttlich inspiriert durchsetzen konnten, gelangten sie in die christliche Bibel. Manches in der Lehre des Paulus erscheint auf den ersten Blick nicht immer stimmig. Einerseits kritisiert er beispielsweise die Juden heftig, andererseits besteht er darauf: „Das Heil kommt von den Juden!“ Man wird davon ausgehen dürfen, dass sich auch einige seiner Sichtweisen im Verlauf des Lebens geändert haben, obwohl die Grundlagen seiner Lehre schon früh festlagen und durchgehalten wurden.

Über seine mystischen Erscheinungen äußert er sich, wie viele bedeutende Heilige, nur sehr zurückhaltend. Das endgültige Heil, so beschreibt er in einer endzeitlichen Vision, haben eigentlich nur die „Heiligen“ zu erwarten, also die an Christus Glaubenden. Andererseits ermahnt er seine geistigen Kinder, dass sie sich weniger Gedanken um die Nicht-Gläubigen, als vielmehr um ihre eigene Heiligung machen sollten. Um die anderen würde sich Gott kümmern. Paulus war und ist keine einfache Figur. Aber gerade deshalb lohnt, sich mit ihm zu beschäftigen. Er war ein Mensch voller Leidenschaft, der trotz aller Heiligkeit sehnsuchtsvoll darauf wartete, die Herrlichkeit Gottes endlich nicht mehr nur „in einem Spiegel“ sehen zu dürfen.

(Zum weiterlesen leicht und spannend – falls erhältlich - von Ernle Bradford, „Die Reisen des Paulus“, eine historische Biographie bei Ullstein. Anspruchsvoller mit viel Theologie: „Paulus von Tarsus – Zeuge und Apostel“ von Joachim Gnilka bei Herder. Oder: Einleitung in das Neue Testament von Udo Schnelle, UTB Verlag, sehr theologisch. Verständlich für jedermann sind die Einführungskapitel in der Einheitsübersetzung der Bibel mit dem Jerusalemer Kommentar. Über die Liebe

Aus dem 13. Kapitel des Korintherbriefes des Apostel Paulus aus der Herder Übersetzung:

„Wenn ich mit Menschen-, ja mit Engelszungen rede, habe aber die Liebe nicht, so bin ich ein tönendes Erz und eine gellende Schelle. Und wenn ich die Prophetengabe habe und alle Geheimnisse weiß und alle Erkenntnis besitze und wenn ich allen Glauben habe, so dass ich Berge zu versetzen vermöchte, habe aber die Liebe nicht, so bin ich nichts. Und wenn ich all mein Habe zu Almosen mache und wenn ich meinen Leib hingebe zum Verbrennen, habe aber die Liebe nicht, so nutzt es mir nicht.

Die Liebe ist langmütig, gütig ist die Liebe, die Liebe ist nicht eifersüchtig, sie prahlt nicht, ist nicht aufgeblasen. Sie handelt nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie lässt sich nicht erbittern, sie trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, freut sich vielmehr über die Wahrheit. Alles deckt sie zu, alles glaubt sie, alles hofft sie, alles erträgt sie.

Die Liebe hört niemals auf. Prophetengaben – sie verschwinden; Sprachengaben – sie hören auf; Erkenntnis – sie verschwindet. Denn Stückwerk ist unser Erkennen und Stückwerk unser Prophezeien. Wenn aber das Vollendete kommt, dann wird das Stückwerk abgetan. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind. Seit ich jedoch ein Mann geworden bin, habe ich die kindliche Art abgelegt. Wir sehen nämlich jetzt durch einen Spiegel rätselhaft, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt worden bin.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; am größten jedoch unter ihnen ist die Liebe.“

Die Exerzitien des Ignatius von Loyola  - Zum Gedenktag des Heiligen am 31. Juli

Manchmal schreibt der liebe Gott nicht nur auf krummen Wegen gerade, und manchmal benutzt er sogar Geschütze. Es war es die ballistisch formschöne Flugbahn einer Kanonenkugel, die dem spanischen Jungadeligen Ignatius von Loyola viele Schmerzen und der katholischen Kirche einen großen Heiligen brachte. Ignatius, geboren 1491, war der großmäulige Spross einer herrschaftsgewohnten Sippe aus dem rauhen Baskenland. Soldatenspiele, Saufgelage, galante Abenteuer und Ritterromantik prägten seinen Lebensweg, auch als Knappe am spanischen Hof. Bei der Belagerung von Pamplona überredete er seine Genossen zu militärisch sinnlosem Widerstand und ihm wurde von der oben erwähnten Kanonenkugel das Bein zertrümmert. Weil Ignatius nicht nur tollkühn, sondern auch noch eitel war, lies er die schief zusammengewachsenen Knochen ein zweites Mal brechen. Monatelang lag er auf dem Krankenlager und langweilte sich entsetzlich, nachdem alle Ritterromane ausgelesen waren. Da entdeckte Ignatius einige fromme Bücher in der Schlossbibliothek. Er stellte fest, dass diese ihm eine Seelenruhe verschafften, die er bis dahin nicht gekannt hatte. Der junge Mann bekehrte sich und begann in einer fanatisch anmutenden Weise seine wahre Berufung zu suchen. Er weihte sein Leben Gott und der hierarchischen Kirche als dem konkret erfahrbaren mystischen Leib Christi. Ignatius verbrachte Monate in Gebet und strenger Askese in einer feuchten Höhle und "rang mit sich selbst und dem Teufel" (was man nicht wörtlich nehmen muss). Schließlich lernte er, in seinen geistlichen Betrachtungen zwischen Gedanken und Vorstellungen zu unterscheiden, die ihn milde und glücklich stimmten, und solchen, die bei ihm innere Unruhe auslösten. Damit war das Prinzip seiner berühmten „geistlichen Übungen“ entdeckt. Er begann nun nicht nur zu pilgern und eine Gruppe von Gleichgesinnten um sich zu sammeln (die späteren Jesuiten), sondern baute diese „geistlichen Übungen“ oder „Ignatianischen Exerzitien“ im Laufe der Jahre zu einem spirituell-psychologischen Meisterwerk aus - zu einer mächtigen Waffe der Christenheit.

An dieser Stelle soll nicht so sehr nicht auf das weitere Leben des heiligen Ignatius und den kometenhaften und immer wieder umstrittenen Aufstieg des Jesuitenordens eingegangen werden. Vor einigen Jahren hatte der Autor die Gelegenheit, an den geheimnisumwitterten dreißigtägigen Schweigeexerzitien teilzunehmen. Eine gewisse Angst vor Gehirnwäsche oder davor, zu einem willenlosen Instrument fanatischer Glaubensboten zu werden, lag auch ihm im Vorfeld im Magen. Immer wieder wird ein Zitat aus den geistlichen Übungen aus dem Zusammenhang gerissen und als Beleg für diese Ängste missbraucht: „...von dem Weißen, das ich sehe, glauben, dass es schwarz ist, wenn die hierarchische Kirche es bestimmt...“ heißt es an einer Stelle. Aber nichts könnte falscher verstanden werden. Denn modern gesprochen geht es in den Exerzitien des Ignatius um Selbstverwirklichung. Dazu muss man das Wort „Selbstverwirklichung“ aber genau betrachten: Als Mensch selbst wirklich, echt und glücklich zu werden, setzt voraus, dass man so wird, wie Gott selbst einen in der Schöpfung ursprünglich gemeint hat. Also muss man in allem zunächst den höheren Willen Gottes suchen, um in Gottes Plan eine endgültige Heimat zu finden. „Prinzip und Fundament“ menschlichen Lebens heißt für Ignatius: „Der Mensch ist dazu geschaffen, um Gott, unseren Herrn, zu loben, ihm Ehrfurcht zu erweisen und zu dienen und mittels dessen seine Seele zu retten.“ Alles weitere ist dazu geschaffen, den Menschen bei diesem Bestreben zu unterstützen. Ein Kriterium dafür, was zu Gott führt, ist die Lehre der Kirche. Deshalb sollen wir nicht nur unserem eigenen Spatzenhirn glauben, sondern auch der Kirche Gottes und ihren Repräsentanten. Selbst wenn manches, was sie sagen, uns mitunter vorkommt, als würde man uns Weißes als etwas Schwarzes verkaufen wollen. Das schließt nicht aus, dass auch die Kirche irren kann. (Was ja gelegentlich vorkommen soll).

Vier bis fünf Mal am Tag meditiert der Exerzitant je eine Stunde lang eine Stelle aus der Bibel, oder eine Meditationsvorgabe aus dem Exerzitienbuch des Ignatius. Berühmt ist beispielsweise die Meditation von den zwei Armeen, den zwei Heerbannern, dem des Teufels und dem Jesu Christi. Ignatius malt sie uns mit der schillernden Lebendigkeit der mittelalterlichen Vorstellungswelt aus. Für welche Seite entscheidet man sich in seinem Leben, wenn einem Ziele und Mittel dieser beiden Scharen genauestens vor Augen geführt werden? Möglichst sinnlich soll man sich die zu meditierende Szene vorstellen und dann betrachten, welche Gedanken und Vorstellungen einen zufrieden und welche einen unzufrieden machen, welche ablenken, langweilen oder gar einlullen und welche heilsam aufrütteln. Diese Beobachtungen bespricht man einmal am Tag mit dem Exerzitienbegleiter, schweigt aber (bis auf wenige Erholungstage) ansonsten während der gesamten Zeit. Diese „Unterscheidung der Geister“ zeigt auf rechteinfache Weise, ob man sich auf dem guten Weg - dem zu Gott -, oder auf dem berüchtigten Holzweg befindet. Meistens, so meine Feststellung, spürt man schon im Herzen, welche Gefühle und Entscheidungen richtig und welche falsch sind. Gibt es Entscheidungskonflikte, so hilft Ignatius mit einer Reihe von Erkenntnissen über das Verhalten der guten und der bösen Geister und mit praktischen Tipps. Diese finden sich übrigens heute in abgewandelter Form auch in Management-Lehrbüchern. So kann man beispielsweise, immer begleitet vom Gebet, alle Gründe für und wider eine Angelegenheit genau auflisten, sie sorgfältig abwägen, schließlich abzählen und dann entscheiden. Erstaunlich ist auch, dass einen bei den Betrachtungen Fragen oder Evangelienstellen anrühren, von denen man das nicht erwartet hätte. So merkt man, welche Probleme eigentlich ungelöst in einem schlummern. Dabei handelt es sich oft um ganz andere Anliegen als die, die denen man glaubte lösen zu müssen. Bei den geistlichen Übungen soll man gut essen, viel schlafen und spazieren gehen. Auch die tägliche Messfeier ist ein fester Bestandteil.

Natürlich sind die Ignatianischen Exerzitien damit nur sehr grob umrissen. Was in dem nüchtern geschriebenen Exerzitienbuch wie eine Sammlung von Kochrezepten anmutet, füllt sich erst im praktischen Vollzug. Man erlebt neben Momenten tiefster Betrübnis auch Augenblicke inniger Freude. Vieles hängt davon ab, ob man einen guten Exerzitienbegleiter ausgesucht hat. In Vorgesprächen sollte man sich klar darüber werden, ob man miteinander auskommt. Ich würde statt eines psychologisierenden „Zeitgeistbetreuers" eher einen erfahrenen, traditionelleren Begleiter empfehlen. Aber das soll den Ansichten des Einzelnen überlassen bleiben. Wohl jeder Exerzitant wird irgendwann die Gewissheit empfinden, dass sich ein Mensch allein diese geistlichen Übungen nicht hat ausdenken können. Die göttliche Inspiration begegnet einem auf Schritt und Tritt. Die Exerzitien des Ignatius sind einer großen Schatzkiste ähnlich, aus der man noch nach Jahren Anregungen, Trost und Hilfe wie Juwelen hervorholen kann.

Ignatius starb am 31. Juli 1556, bis heute sein Gedenktag. Er hinterließ schon damals einen straff organisierten Orden mit über 1000 Jesuiten. Die unbedingte Loyalität zur päpstlichen Kirche und die soldatische Strenge, die Ignatius so wichtig waren, findet man allerdings heute, beispielsweise bei den deutschen Jesuiten, nur noch selten. Mit einem Frauenzweig seines Ordens konnte sich der alte Soldat nie recht anfreunden, wiewohl sich manche weibliche Ordensgemeinschaft später an seine Spiritualität anlehnte. So beispielsweise die Maria Ward Schwestern. Ignatius wird man nur gerecht, wenn man sein von ritterlichen Idealen und den damaligen Glaubensvorstellungen geprägtes Denken berücksichtigt. Seine Grundbotschaft ist aber zeitlos: Alles zur höheren Ehre Gottes -  Omnes ad majorem Dei gloriam!

 
Gedanken zum Dominikusfest am 8. August

Warum habe ich mir ausgerechnet den heiligen Dominikus als wichtigstes geistliches Leitbild ausgesucht? Es gibt zwar eine Menge mittelalterlicher Legenden über den Mann aus dem spanischen Caleruega, aber nur wenig Verlässliches. Dominikus hat keine geistlichen Gesänge hinterlassen, manch fromme Geschichte und Visionen sind ihm wahrscheinlich später angedichtet worden und besondere spirituelle Übungen hat er seinen Brüdern und Schwestern auch nicht verordnet. Es gibt von ihm keine Bücher und keine ausführlichen Instruktionen. Überliefert ist nur ein wenig bedeutsamer Brief an eine Nonne. Der von Dominikus gegründete Orden pries jahrhundertelang vor allem den heiligen Thomas von Aquin als unerreichbare Lichtgestalt. Selbst die Idee der Wanderpredigt in Armut zu den Kirchenkritikern seiner Zeit stammte vielleicht ursprünglich von dem Vorgesetzten seiner frühen Jahre, als Dominikus noch ein „normaler“ Geistlicher war. Schließlich wurde im Namen seines Ordens später auch manches Unrecht verübt.

Dominikus hat „nur“ eine Ordensregel hinterlassen. Und selbst die ist die umgeschriebene Version der älteren Augustinusregel. Aber offenbar hat es diese Regel von Anfang an in sich gehabt. Da tauchte plötzlich bei der Auswahl der Ordensvorgesetzten das Wahlrecht für die einzelnen Bruder auf, die Amtszeit für geistliche Leitungsfunktionen wurde begrenzt. (Angeblich hat Benjamin Franklin wichtige Ideen der amerikanischen Verfassung aus der Regel der Predigerbrüder abgeschrieben.) Aus Mönchen wurden Ordensmänner, die nicht in ein Kloster, sondern in die Gesamtgemeinschaft eintraten und stets zum Weiterziehen bereit sein mussten. Dominikus suchte nicht die Stille der abgelegenen Orte, sondern sandte seine kleine Schar, kaum dass sie entstand, in die pulsierenden Universitätsstädte seiner Zeit. So gründete er einen Orden, der sich im Laufe seiner Geschichte niemals endgültig gespalten hat. Bald gehörten auch Schwestern und Laien dazu.

Lebenslanges geistliches und wissenschaftliches Studium verstand Dominikus als Kontemplation, als Gebet und legitime Suche nach Gott. Stundengebet und Meditation waren ihm wichtig, aber er konnte sie auch während der Wanderung auf seinen zahllosen Reisen quer durch Europa beim Gehen in allen erdenklichen Formen praktizieren. (Dazu gehörten Stoßgebete und lautes Seufzen.) Der heilige Vater Dominikus war - bei allem Organisationstalent und Verstand - ruhelos in seiner Suche nach Christus und darin nach Gott. Aber er suchte Gott auch in der Welt und wollte von dem, was er erkannt hatte erzählen, predigen und verkünden. Nach einer langen Wanderung soll Dominikus seine Nachtruhe geopfert haben, um mit einem in Glaubenszweifel gefallenen Herbergswirt über die frohe Botschaft zu reden. In unserer Zeit würde man ihm deshalb wahrscheinlich religiösen Übereifer vorwerfen. Aber für Dominikus war Religion eben nicht nur Privatsache. Es ging ihm auch um das Heil der anderen.Träfe ich mein geistlichen Vorbild heute, so trennten uns wahrscheinlich viele zeitbedingt Ansichten. Trotzdem: Vielleicht ist mir Dominikus so sympathisch, weil auch ich glaube, oder wenigstens hoffe, dass hinter aller Unrast und den Halbheiten meines Lebens etwas von dem ehrlichem Suchen und Bemühen steckt, dass mir bei ihm auf Schritt und Tritt begegnet.

Ein Heiliger im Monat September: Nikolaus von der Flüe - Oder: Einsiedler leben selten allein

Nikolaus von der Flüe lebte im späten Mittelalter und war ein angesehener und sehr patriotischer Schweizer Bürger. Fast fünfzig Jahre lang tat er das, was man von einem frommen, etablierten Menschen erwartet. Er zog zusammen mit seiner Ehefrau Dorothea eine große Kinderschar hoch, war ein geachtetes Ratsmitglied, zahlte pünktlich seine Steuern und diente als tapferer Soldat in einem Krieg gegen den Landesfeind. Für seine Aussenwelt plötzlich, für seine Vertrauten vielleicht weniger überraschend und für ihn sicherlich lange überlegt, verließ der geachtete Bürger am 16. Oktober 1467 seinen Hof und wurde – nach einigen Zwischenstationen – Einsiedler in einer ungemütlichen Schlucht, der sogenannten „Ranft“, in der Nähe seines Zuhauses. Bruder Klaus hatte einen Ruf Gottes vernommen, der ihn zu einem Leben in Einsamkeit und Gebet aufforderte. Bald verbreitete sich die Nachricht, dass Nikolaus, anfangs streng überprüft durch Wachleute, nahrungslos lebte. Zuerst neugierig, dann um Hilfe und seelischen Rat suchend, kamen die Menschen von immer weiter her zu ihm. Schon zu seinen Lebzeiten verehrte man ihn als Heiligen, obwohl der Asket sehr bescheiden war. Trotzdem griff er in das Leben seiner Mitmenschen ein. Er schlichtete beispielsweise mit Kompromißvorschlägen einen schweren Konflikt zwischen einigen Kantonen und verhinderte so einen Bürgerkrieg.

Heute ist Nikolaus von der Flüe unter anderem auch der Schutzpatron der Schweiz. Konrad Adenauer soll vor seiner berühmten Reise nach Moskau in der Ranft um die Rückkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen gebetet haben. Das Fest des Heiligen, der 1947 von Papst Pius XXII. kanonisiert wurde, feiern wir am 25. September.

Bruder Klaus tat das, was bis heute vielen gläubigen Menschen aller Konfessionen und Religionen als höchstes Ideal gilt, was aber nur die wenigsten selber wagen: Der Versuch, ein Leben in radikaler Entsagung zu führen, um so ganz frei für Gott zu werden und das wahre ewige Glück zu finden. Strenge Orden, wie beispielsweise die Trappisten oder die Karthäuser, praktizieren dies bis heute als katholische Christen. Auch in Deutschland gibt es Einsiedler, so in der Schönstadtbewegung. In östereichischen Saalfelden am Steinernen Meer klebt am Berg seit Jahrhunderten eine bis heute bewohnte Einsiedlerklause. Manch abenteuerliche Gestalt, nicht nur Heilige, haben dort gelebt. Was uns aber an Nikolaus von der Flüe so überrascht, ist die Tatsache, dass ein gestandener Familienvater „die Welt verläßt“. In  Indien ist das allerdings nichts Ungewöhnliches. Nicht jeder, der es gerne möchte, kann nämlich so einfach als junger Mensch Mönch oder Nonne werden, um die Erleuchtung zu finden. Schließlich hat man gegenüber der Familie und den Eltern Verpflichtungen. Erst wenn der Nachwuchs selbständig und die Eltern oder der Ehepartner versorgt sind, geht manch frommer Hindu „in den Wald“ und wird Asket. So, wie Nikolaus das getan hat.

Trotzdem muss man an dieser Stelle mit einem Irrglauben aufräumen: Es gibt, ob in den Schweizer Bergen oder auf dem indischen Subkontinent, kaum einen Einsiedler, der wirklich “alleine siedelt”. Wir haben ja schon gehört, und zahlose zeitgenössische Berichte belegen, dass Nikolaus Scharen von Pilgern anzog. Bald bauten ihm seine Mitbürger in der ehedem kaum zugänglichen Ranft eine Klause, in die er sich vor dem Pilgerstrom ab und zu zurückziehen konnte. Man stellte dem heiligen Mann einen eigenen Priester, der ihm täglich die Messe las (den Leib des Herrn empfing Klaus als einzige Nahrung). Gibt es irgendwo in der Welt eine geistliche Gemeinschaft, Wandermönche, Ordensleute, Schwesternkonvente oder dergleichen, dann werden sie, soweit sie einigermassen glaubwürdig leben, auch interessierte Menschen anziehen. In Indien folgen den „Babas“, den Wanderasketen, stets fromme Anhänger. Das ist an sich gut so und viele Menschen werden sich durch Bruder Klaus und andere “Einsiedler” zu einem besseren Leben bekehrt haben. Jeder sollte sich aber fragen, ob man wirklich Gott sucht, wenn man sich nach dem extremen religiösen Leben, nach der Begegnung mit „Geistlichen“ oder heiligen Orten sehnt. Vielleicht ist es auch nur das besondere Ereignis, das einen fasziniert. Eine alte praktische Regel des spirituellen Lebens besagt, dass man sich nur das vornehmen soll, was man auch einigermaßen zu schaffen in der Lage ist. Sonst ist man schnell frustriert und schiebt möglicherweise Gott das Scheitern des hehren Anliegens zu. Der heilige Nikolaus von der Flüe ist für jeden ein Vorbild. Aber nicht jeder ist zum Einsiedler geboren. Manche müssen den Einsiedlern auch die Hütte bauen. Heilig können wir aber alle werden!

 

Teresa von Avila - Eine Heilige im Monat Oktober - Oder: Wie modern sind unsere Heiligen?

Die „eilige Heilige“, Teresa von Jesus, bekannt als die Große Theresia oder Teresa von Avila, wurde am 28. März 1515 im spanischen Avila geboren. Das fromme Mädchen trat 1535, aus Angst um ihr Seelenheil und weil sie ohnehin nicht heiraten wollte, in das Karmelitinnenkloster ihrer Heimatstadt ein. Später einmal hat sie es sinngemäß so ausgedrückt: „Was jammert ihr Schwestern? Ihr seid der Sklaverei der Ehe entkommen!“ Zwanzig Jahre lang lebte sie das Leben einer „mittelmäßigen“ Nonne, die keine rechten Fortschritte im geistlichen Leben machte. Teresa litt unter Ablenkung. Je mehr sie sich bemühte, desto leerer erschien ihr das Gebet. So beschränkte sie sich schließlich lange Zeit auf rein formale Gebete und Gottesdienstzeiten. Ihre unstillbare Sehnsucht ließ sich aber nicht unterdrücken. Die Statue eines leidenden Jesus, an der sie schon zahllose Male vorübergegangen war, löste 1554 eine tiefgreifende innere Bekehrung aus. Nun begann Teresa einen konsequenten Weg im inneren wie auch im äußeren Leben. Zusammen mit Mitschwestern und beraten u.a. von einem Dominikaner, gründete sie in Avila trotz großen Widerstandes ein strenges Reformkloster. Daraus entwickelte sich im Laufe der Jahre der Orden der „Unbeschuhten Karmeliten“. Ebenfalls auf Anregung ihrer geistlichen Begleiter begann Teresa ihre vielfältigen mystischen Gebetserfahrungen und –erlebnisse aufzuschreiben. „Der Lebensbericht“, „Das Buch der Klostergründungen“ und „Die innere Burg“ werden heute zur Weltliteratur gezählt. Während Teresa ihren alten und neuen Mitschwestern radikale Zurückgezogenheit empfiehl, war sie selbst fast ständig unterwegs, um bestehende Konvente zu reformieren oder neue zu gründen. Ein Inquisitor bezeichnete sie daher als „herumvagabundierendes Weib“, und mehr als einmal geriet sie unter Häresieverdacht. Über sich und ihre Rolle sagte sie bedeutungsvoll: „Nicht jede Nonne darf das.“

Teresas Gebetsleben kann man nicht allein auf die überlieferten spektakulären Visionen, Schwebezustände und andere Phänomene beschränken. Gebet war für sie vor allem „das Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft und gerne alleine zusammenkommen, um mit ihm zu reden, weil wir sicher sind, dass er uns liebt“. Für Teresa war jede Form von Gespräch mit Gott, mit Jesus Christus bereits Gebet. Man könnte sagen: „der Mensch soll mit Gott so reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist“. Somit kann man beruhigt auch die innere Unruhe, die einen umtreibt und scheinbar vom Gebet ablenkt, mit in den ständigen Austausch oder in die besonderen Zeiten vor Gott nehmen. Teresa war es dabei besonders wichtig, sich nicht nur den verherrlichten Christus als Gegenüber vorzustellen, sondern sie fand besonders in der Betrachtung des Erdenlebens des Jesus von Nazareth Kraft. „Durch die Tür der Menschheit Jesu Christi müssen wir also eintreten, wenn wir wollen, dass die hohe Majestät uns große Geheimnisse offenbart.“ „Man solle sich“, so ein Teresa-Kenner und Karmelit, „Jesus Christus beim Gebet beruhigt als menschliches Gegenüber vorstellen“. Jesus Christus ist auf diese Weise ein Mensch, dem ich begegne, und nicht mehr der strenge Weltenrichter, vor dem ich Angst haben muss („Heilsfurcht“).

Mit diesem Ansatz erscheint uns Teresa sehr modern. Aber unserer modernen Zeit, die das Unverständliche und das Unbequeme am nicht nur „lieben Gott“ gerne übersieht, macht sie es nicht bequem. Für Teresa ist Gott ein Freund, aber auch immer die „Majestät“. Sie leidet bei der Vorstellung, dass beispielsweise ungetaufte Indios und Lutheraner kein Heil erlangen könnten, weil sie nicht zur Kirche gehören. Sie beschreibt ausführlich ihre Höllenvisionen, in denen es statt körperlicher Foltern Seelenqualen sind, die die Verdammten plagen. Teresa hat sehr klare Vorstellungen von der Funktion und Gestalt der hierarchischen Kirche, der sie sich unterwirft (über manch einen von deren Repräsentanten weiß sie sich aber auch mit feiner Ironie zu äußern – und nicht zuletzt setzte sie doch meistens ihren Willen durch). Wenn man die Menschen früherer Zeiten nachträglich entmündigen will, dann könnte man sagen, dass solche „Unterwürfigkeiten“ heute weniger streng zu Buche schlagen würden. Aber immerhin trägt Teresa den offiziellen Titel „Kirchenlehrerin“. Man kann das, was sie gesagt und geschrieben hat, nicht einfach dem Zeitgeist entsprechend auslegen. Man wird wieder einmal zur Kenntnis nehmen müssen, dass Gott gleichzeitig der gute Freund   u n d   auch der „ganz Andere“ (auch der Strenge und Furchtgebietende) ist.

Teresa von Avila ist keine unerreichbare Säulenheilige, sie ist aber, bei aller Aktualität, auch keine Kronzeugin für einseitige Gottes-Interpretationen. Das Fest dieser großen Frau feiern wir am 15. Oktober.

Legende: Die heilige Teresa von Avila kam einmal an einen Fluss, den sie wegen einer großen Flut nicht passieren konnte. Sie ärgerte sich sehr, weil sie gerade auf dem Weg zu einem „wichtigen Termin“ - wahrscheinlich einer Klostergründung - war. So fragte sie Gott: „Warum musst Du das ausgerechnet jetzt zulassen? Du weißt doch, wie eilig ich es habe.“  Gott antwortete ihr: „Solche Prüfungen schicke ich meinen Freunden.“ Darauf erwiderte die heilige Teresa: „Deshalb hast Du auch so wenige.“

Im Oktober: Fest der heiligen Hedwig – Schutzpatronin von Berlin

Schutzpatronin der Kirche in Berlin ist die heilige Herzogin Hedwig von Schlesien. Ihren Gedenktag feiert die katholische Kirche am 15.Oktober und die evangelische Kirche gedenkt ihrer einen Tag später. Hedwig wurde 1174 in Bayern geboren und mit zwölf Jahren nach Schlesien verheiratet. Als Herzogin erlebte und begleitete sie den Einzug vieler deutscher Siedler in die slawische Provinz. Sie erlebte den Tod von sechs ihrer Kinder und schließlich auch den furchtbaren Mongoleneinfall. Bei allen persönlichen Schicksalsschlägen blieb sie stets eine zutiefst fromme Frau, gründete Klöster, förderte die Landeserschließung, half den Armen und beendete ihr Leben schließlich als Nonne. Ihre strenge Frömmigkeitshaltung ist dem modernen Menschen schwer nachvollziehbar. Dabei blieb sie aber stets gewitzt. Als ihr ihr Bischof Schuhe verordnete, da sie sich auch im Winter durch Barfußgehen kasteien wollte, überlistete sie ihn, indem sie die Schuhe zwar mit sich herumtrug, aber nicht anzog. Hedwig, zu polnisch Jadwiga, starb am 15. Oktober 1243 in Trebnitz, dem heutigen Trzebnica in Polen, wo bis heute ihr Grab ist. Sie ist Patronin von Schlesien und Polen, von Berlin, Breslau, Trebnitz und Krakau; der Heimatvertriebenen und Brautleute.

Heilige im Monat November - Oder: Dürfen wir an Heilige glauben, die es vielleicht gar nicht gab?

Die heilige Cäcilia (22.11.), die heilige Felicitas (23.11.) und die heilige Katharina von Alexandrien (25.11.) haben neben der Tatsache, dass sie als frühchristliche Bekennerinnen hingerichtet wurden, vor allem eines gemeinsam: Wir wissen nicht einmal genau, ob es sie tatsächlich gegeben hat! Alles, was uns vorliegt, sind ungesicherte Überlieferungen, umrankt von einem bunten Kranz dramatischer Legenden. Trotzdem hat es beispielsweise Katharina zu einer immensen Popularität gebracht. Ihre Darstellungen in der Kunstgeschichte sind Legion. Sie zählt bis heute zu den vierzehn Nothelfern (u.a. gegen Migräne, Zungenkrankheiten, Auffindung Ertrunkener u.a.). Cäcilia gar ist Schutzpatronin der Musik geworden, obwohl sie himmlische Klänge den irdischen vorzog. Weil man sie aber stets mit der Leier darstellt, die sie achtlos weggelegt haben soll, dachte sich manch ein ahnungsloser Betrachter ihrer Darstellungen, dass sie wohl besonders musikalisch gewesen sein muss. Diese Auffassung setzte sich durch. Felicitas schließlich wurde Patronin der Gebärenden, da sie selber sieben Söhne gehabt haben soll. Ähnlich der Makkabäermutter musste sie deren Martyrium mit ansehen, bevor sie selber für ihr Bekenntnis zu Christus enthauptet wurde.

Der "gute Katholik" betet die Heiligen nicht an, aber er betet zu ihnen um Fürsprache bei Gott und um Beistand in besonderen Anliegen, für die man die Angerufenen für besonders kompetent hält. Oder aber man wendet sich an sie oder ihn, weil man für diesen Heiligen eine besondere Vorliebe hat. Die regelmäßig vorgetragene spitzfindige Frage, warum sich der Katholik denn nicht immer nur und gleich an Gott wende, ist genauso überflüssig, wie sie zunächst einleuchtend erscheint. Der Mensch ruft nun mal in allen Religionen nicht nur die allerhöchste Instanz an, sondern auch solche Geistwesen, die ihm vermeintlich näher stehen. Man geht ja auch nicht gleich zum Bundesverfassungsgericht, sondern zuerst zum Amtsrichter. (Dieser Vergleich hinkt allerdings, weil man Gott im Gegensatz zum Bundesverfassungsgericht auch in kleinen Angelegenheiten angehen darf!). Weil wir glauben, dass bestimmte Seelen – beispielsweise diese drei heldenhaften Frauen – ganz nahe bei Gott und uns gegenwärtig sind, können wir auch mit ihnen reden und sie um etwas bitten. Wenn man glaubt, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, dann wird man sich getrost mit den Fortgegangenen unterhalten oder für arme Seelen beten dürfen.

Was aber tun wir, wenn wir nicht einmal genau wissen, ob es diese Frauen historisch wirklich gegeben hat? Macht man sich da nicht zum Narren, wenn man sie sogar um Beistand beim Allerhöchsten bittet? Erstens wissen wir nicht einmal (rein rational gesehen), ob es Gott gibt. Wir glauben es jedoch und beten ihn deshalb an. Genauso können wir also zu diesen Frauen beten. Zweitens gibt es keinen Beweis dafür, dass es sie nicht gab. Immerhin haben bis zur Reformation und Aufklärung alle Christen und danach sehr viele geglaubt, dass es sie gebe. Außerdem bestätigt uns die heilige Mutter Kirche mit ihrer ganzen Autorität, dass es Felicitas, Cäcilia und Katharina gegeben hat. Wer wollte da zweifeln? Drittens: Selbst wenn es sie nicht gegeben haben und alles nur Ausgeburt einer blühenden religiösen Fantasie sein sollte, dann können wir glauben, dass Gott sowieso jedes Gebet hört. Wir beten niemals zu einem Luftbild, sondern Gott wird immer unser letzter Ansprechpartner sein.

Ausführliche Märtyrerlegenden wollen wir an dieser Stelle dem zartfühlenden Leser nicht zumuten. Was uns manchem Zeitgenossen heutzutage Horror- und Brutalitätsdarstellungen im Fernsehen sind, waren vielen Menschen vergangener Zeiten die ausgeschmückten, detaillierten Darstellungen der Marterqualen von Bekennern. Cäcilia wollte man unter anderem im Dampfbad ersticken, die Schönheit Katharina aufs nagelbesetzte Rad flechten und Felicitas erlebte die Leiden ihrer Kinder, ohne Jesus Christus abzuschwören. Alle drei starben schließlich durch das Schwert des Henkers. So etwas hat es wirklich gegeben. Das ist historisch unumstritten. So etwas passiert Christen auch heute noch.

Oration aus dem kleinen Stundenbuch der Heiligentage: „Als die Nacht zu Ende ging, rief Cäcilia: Auf, ihr Streiter Christi, legt ab die Werke der Finsternis und zieht die Waffen des Lichtes an."

Der Heilige des Monats Dezember: Jesus von Nazareth

Sicher ist es ungewöhnlich, Jesus Christus in eine Artikelreihe über andere "normalen" Heilige aufzunehmen. Schon mit der Namensgebung fängt ja das Problem an. „Jesus von Nazareth“ ist die Bezeichnung des historischen Jesus, des Wanderpredigers aus Galiläa, der von den Römern hingerichtet wurde. Ihn könnte man im landläufigen Sinne und selbst dann, wenn man kein besonders gläubiger Mensch ist, als einen heiligen Mann bezeichnen. Das ist heute nach dem Motto „Jesus Ja, Kirche Nein“ fast allgemein üblich geworden.

„Jesus Christus“ dagegen (griechisch: christos = der Gesalbte) ist der Jesus unseres Glaubens. Erkenntnis und Bekenntnis der historischen Person Jesu als Sohn Gottes, ja innerhalb der Dreieinigkeit sogar als Gott selbst, setzen also zunächst einmal Glauben voraus. Dieser Glaube muss wachsen und immer wieder neu geschenkt und erworben werden. Auch die frühen Christen brauchten Jahrhunderte, bis ihr Glaube gefestigt und die Lehren von der Gottheit und der gleichzeitigen Menschheit Jesu endgültig ausformuliert waren und in Übereinstimmung mit den kanonischen Schriften standen. Somit glauben wir als Christen weder nur an den "guten Menschen Jesus", noch allein an den göttlichen  Herrn Christus, sondern muten uns ein scheinbares Paradox zu: „Wahrer Gott und wahrer Mensch, unvermischt und ungetrennt“ heißt es im großen Glaubensbekenntnis.

Immer wenn wir etwas über Jesus erfahren, müssen wir also danach fragen, ob man über den historischen Jesus oder den Jesus des Glaubens redet. Seine Existenz ist immer wieder bezweifelt worden, gilt aber heute historische als gesichert. Auch ob Jesus von Nazareth eine eigene Religion gründen wollte, kann man rein rational nicht beantworten. Manche meinen, dass es ihm nur um innerjüdische Reformen ging. Als katholische Christen betonen wir dagegen, dass er sehr bewusst die Kirche (lat. ecclesia = die Versammlung) gegründet, Apostel ausgewählt und die Eucharistie eingesetzt hat. Die Belege dafür finden wir in der Heiligen Schrift. Für den reinen Historiker sind die Ankündigungs- und Geburtserzählungen nachträglich konstruierte Geschichten, die (nicht in böswillig-fälschender Absicht!) die besondere Auserwähltheit des Verehrten darlegen wollen. Für uns weisen sie bereits auf das Besondere unseres Herrn hin.

Jesus von Nazareth ist immer wieder in eine Reihe mit anderen bedeutenden Religionsstiftern gestellt worden. Tatsächlich gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen den biblischen Erzählungen (Jungfrauengeburt, Auferweckung vom Tod, Wundertaten) und außerchristlichen religiösen Überlieferungen. Es bleibt das Ungewohnte, das Widersprüchliche, das ihn uns so anders und doch so nahe sein lässt: Kein später zum Propheten oder Gott Erklärter wurde in einem Stall geboren, keiner betete bei der Hinrichtung für seine Mörder, keiner setzte sich so selbstverständlich über kultische Normen seiner Zeit hinweg (Umgang mit Sündern und Ausgestoßenen etc.).  Und schließlich: Kein Mohammed, kein Buddha, kein Mose haben von sich selbst behauptet, Sohn Gottes, gar Gott selbst zu sein. Keiner von ihnen hat behauptet, dass derjenige, der ihn sieht, auch den Vater sieht, oder dass er selbst das lebendige Brot und das lebensspendende Wasser sei. Entweder, so darf man auch nach zweitausend Jahren Christentum etwas unkonventionell sagen, war dieser Mensch in seiner Anmaßung ein Wahnsinniger, oder er war und ist es wirklich: Der Heilige schlechthin, der Sohn Gottes, Gott selbst.

Jesus Christus macht uns diese Entscheidung nicht leicht und er fordert sie trotz seiner vorauseilenden Liebe und trotz des gemeinsamen Glaubens der Kirche auch immer wieder unmittelbar vom Einzelnen. Wer bin ich für euch? Wer bin ich für dich? Liebst du mich? Wozu meinst du, dass ich dir dein Leben gegeben habe? Willst du in meinem Namen auch die anderen lieben?Die geweihte Nacht, die Nacht, in der Jesus von Nazareth in Bethlehem geboren sein soll, feiern die Christen von Alters her zur Wintersonnenwende. Es ist das Hochfest der Geburt unseres Herrn. Wir können uns kindlich daran freuen und freuen uns auch über alle, die vielleicht nur bei solchen Anlässen ihre "religiöse Ader" entdecken. Aber so wie, das Kind in der Krippe erwachsen wurde und irgendwann begann, uns diese Fragen zu stellen, so müssen auch wir irgendwann erwachsen werden, um zu versuchen, sie zu beantworten.

 
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