- Der „vierfache Schriftsinn“ der Weihnachtsgeschichte
- Jesus sind wir zeitlich näher als wir oft meinen
- Katholische Orden in Berlin
- Vortrag und Diskussion zu Johannes XXIII im Dominikanerkloster St. Paulus, Berlin
- 2025 ist die Kirche wieder vereint - Eine Glosse?
- Dan Browns "Sakrileg" im Kino
- Wie kann man sich einem biblischen Text nähern?
- "Mariologie" oder: Wie ist Maria theologisch zu verstehen?
- "Apokatastasis" – Allversöhnung oder die Möglichkeit der Hölle?
- Der Dreifaltigkeit begegnen
- Die "Tradition" und das katholische Offenbarungsverständnis
- Der Zölibat in der katholischen Kirche
- Wieviel soll man spenden?
- Weihnacht
- Berufung zum Ordensleben?
- Stundengebet in der Dominikanerkirche in Berlin
-"Veritas" - Darf man heute noch an die letzte Wahrheit glauben
- Zwei Leserbriefe aus „Die
Kirche – Evg. Wochenzeitung Berlin“ zum Thema Abendmahl – Eucharistie“
- Was wusste Jesus?
Was hat der Papst im Bundestag gesagt?
Eine kurze Zusammenfassung und Erklärungen für
Nicht-Philosophen und Nicht-Theologen – von Olaf Lezinsky, Berlin
Benedikt XVI. begann seine
Rede am 22.9. 2011 vor den Abgeordneten des deutschen Bundestags mit einigen Begrüßungsworten.
Dann kündigte er eine Ansprache zu den „Grundlagen des freiheitlichen
Rechtsstaats“ an und nicht, wie man hätte erwarten können, zu Fragen des
Glaubens.
Seine Ausführungen eröffnet
er mit der Geschichte aus dem Alten Testament, in der der junge König Salomon
von Gott Weisheit und Einsicht, statt
Erfolg, Reichtum und militärische Erfolge erbittet. Natürlich dürfe und müsse
der Politiker auch nach Erfolg streben. Wichtiger sei aber das Streben nach Gerechtigkeit.
Diese ist die Voraussetzung für Frieden. Ohne Recht wird ein Staat zur
Räuberbande Das ist heute umso wichtiger, je leichter es den Menschen fällt die
Welt zu zerstören oder falsch zu beherrschen.
Wie aber erkennen wir, was
gerecht ist?
Es gibt einfache Fälle, wie
beispielsweise die Herrschaft der Nazis, bei denen offensichtlich ist, dass es
sich um Unrecht handelt. Dann gibt es sogar ein Recht auf Widerstand. Im
demokratischen Staat und mit all dem Wissen, dass wir heute haben ist es viel
schwieriger zu beantworten, ob etwas „recht“ oder „unrecht“ ist.
Fast zu allen Zeiten wurde
die Frage nach dem Recht aus der Religion heraus beantwortet. Das, was die
jeweilige Gottheit für rechtens erklärte oder die heiligen Bücher regelten galt
oder gilt als gerecht. (So z.B. die Scharia im Islam). Das Christentum dagegen
hat sich bei der konkreten Ausgestaltung der Rechtssysteme nicht direkt auf die
Offenbarung bezogen.
Stattdessen hat man sich auf das so genannte „Naturrecht“
und die allgemeine Vernunft berufen, die es ja auch in der nicht-christlichen
Welt gibt.
„Dem Begriff des Naturrechts kann die Überzeugung
zugrunde liegen, dass jeder Mensch „von Natur aus“ mit unveräußerlichen
Rechten ausgestattet sei – unabhängig von Geschlecht, Alter, Ort,
Staatszugehörigkeit oder der Zeit und der Staatsform, in der er lebt. Insoweit
ist die Naturrechtsidee eng verbunden mit der Idee der Menschenrechte. Die
Naturrechte werden demnach als vor- und überstaatliche „ewige“ Rechte
angesehen.“ (siehe: Wikipedia.de).
Diese „Naturrechtslehre“ gilt
heute, so der Papst, als katholische Sonderlehre. Die moderne
(Rechts)Philosophie versucht sich fast ausschließlich auf den „Positivismus“ zu
stützen. Danach gibt es für Alles konkrete Ursachen. Es gibt demnach kein,
nicht greifbares, messbares Naturrecht“. Das entspricht auch dem herrschenden
naturwissenschaftlichen Weltbild.
„Was nicht überprüfbar ist,
gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb
gelten heute Ethos und Religion als subjektiv und nicht vernünftig.“
(Verkürztes Zitat des Papstes.)
„Der Positivismus ist eine Richtung in der Philosophie,
die fordert, Erkenntnis auf die Interpretation „positiver Befunde“ zu
beschränken. Das Wort „positiv“ wird dabei nicht im Sinne von „angenehm“,
sondern wie in den Naturwissenschaften gebraucht, in denen man von
einem „positiven Befund“ spricht, wenn eine Untersuchung unter vorab
definierten Bedingungen einen erwarteten Nachweis erbrachte.“ (siehe: Wikipedia).
Nun ist der „Positivismus“
laut Benedikt eine großartige Errungenschaft. Er hat er uns weitergebracht. Im
wissenschaftlichen Bereich müssen Ergebnisse ja überprüfbar sein. Wenn er aber
das einzige, das Europa verbindende Band sein soll, dann wird es zu einseitig.
Dann bleibt man in einem geschlossenen Weltbild, wie in einem engen Betonbau. Es
würde ja bedeuten, dass man mit Methoden, wie in der Experimentalwissenschaft,
alle Tiefen des Seins ausleuchten kann.
So habe beispielsweise das Auftreten
der Umweltschutz-Bewegung ab den 70er Jahren gezeigt, dass junge Menschen Widersprüche
erkannt hatten. Etwas stimmte mit den herrschenden Zuständen, den damaligen
Wachstumsideologien nicht. „Daß Materie nicht nur Material für unser Machen
ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer
Weisung folgen müssen.“
Dieses Beispiel zeigt, dass
der Mensch nicht nur sich selbst machende Freiheit ist. Es gibt eine „Ökologie
(einen „inneren Haushalt“) des Menschen“. Und: „Der Mensch ist Geist und Wille,
aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur
hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst
gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“
Damit kommt der Papst zur Gottesfrage:
Bestimmte Normen (Vorgaben)
können nur von Außen in uns hineingelegt worden sein. Das setzt einen
Schöpfergott voraus. Wer sonst sollte es getan haben. Einige lehnen es ab
darüber zu diskutieren, weil man weil sich die Wahrheit eines solchen Glaubens
nicht beweisen (oder widerlegen) lässt. Der Papst schließt dies natürlich nicht
aus. Nur vom Glauben an einen Schöpfergott her, lasse sich überhaupt die Idee
der Menschenwürde und der Menschenrechte ableiten. (Gottesebenbildlichkeit).
Das entspräche auch unserem kulturellen Erbe in Europa.
Er schließt: Bitten wir um
das, was auch der junge König Salomon erbeten hat.“ Ein hörendes Herz – die
Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit
zu dienen und dem Frieden.
Der „vierfache Schriftsinn“ der
Weihnachtsgeschichte
Mit
dem Bibellesen hat es nicht jeder. Nicht einmal jeder Christ. Aber eine Passage
kennen fast alle: Die Weihnachtsgeschichte, das zweite Kapitel aus dem
Evangelium von Lukas. „Es begab sich aber zu der Zeit, dass Kaiser Augustus die
ganze Welt schätzen ließe…..“ Oder, gemäß einer anderen Übersetzung: „In jenen
Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in
Steuerlisten einzutragen…“ Es folgt die Geschichte vom Zimmermann Joseph und
seiner jungen Frau Maria, die auf dem Weg in seine Geburtsstadt Nazareth in
Bethlehem in einem Stall unterkommen. Dort wird Jesus, der Sohn Mariens geboren,
der nach dem Glauben der Christen zugleich der menschgewordene Gott ist und den
man später „Christus“ (das heißt „der Gesalbte“) nennen wird. Gott, der
Allerhöchste muss als Baby in einer Futterkrippe schlafen. Hirten auf dem Feld
wird von den Engeln das Wunder der menschlichen Geburt Gottes verkündet.
In
dieser Adventszeit wollen wir auf eine sehr klassische Weise gelegentlich über
diesen Text nachdenken, der mit dem Vers 20 des zweiten Kapitels von Lukas
endet. Dazu schließen wir, alleine zuhause oder auch im allergrößten Trubel
kurz die Augen um innezuhalten. Was aber kann uns helfen, diesen wichtigen Text
besser zu verstehen?
Die
frühen christlichen Theologen, genannt die Kirchenväter, haben einen Text immer
auf verschiedene Arten erklärt. Dadurch sahen Sie ihn aus unterschiedlichen
Blickwinkeln und konnten ihn besser erfassen. Ein berühmter Merksatz lautete: „Der Buchstabe lehrt, was geschehen ist; die
Allegorie, was zu glauben ist; der moralische Sinn, was zu tun ist: der
anagogische Sinn, was zu hoffen ist.“
Der historische (buchstäbliche) Sinn („Was
geschehen ist“):
Man
liest die Geschichte von der Geburt Jesu zunächst einmal als ein historisches
Ereignis. Warum auch nicht? Man kann derzeit weder beweisen, noch mit
Sicherheit abstreiten, ob es sich genauso abgespielt hat. Es ist eine Sache des
Glaubens und man wird auch nicht gleich zum Ungläubigen, wenn man nicht alles
wörtlich nimmt. Tatsache ist, dass es zu der Zeit, in der die
Weihnachtsgeschichte spielt, eine solche „Volkszählung“ tatsächlich gab.
Historisch ist auch die Existenz des Wanderpredigers Jesus von Nazareth unwiderlegbar
erwiesen. Er wurde zum Religionsstifter.
Der heilsgeschichtliche Sinn („Was zu
glauben ist“):
Der
heilsgeschichtliche, oder auch allegorische Sinn des Textes ist schon etwas schwieriger
zu erfassen. Er wurde vorzugsweise in den Texten des Alten Testaments (AT) untersucht.
So fragte man sich fast immer, auf welche Stelle im Neuen Testament eine Stelle
im AT hinweisen soll. Der Durchzug durch das Rote Meer wurde beispielsweise als
Vorabbild der Taufe gewertet. Der allegorische Sinn lehrt in der Weihnachtsgeschichte die tatsächliche,
handgreifliche Menschwerdung Gottes. Gott ist nicht irgendwo da oben weit weg
und nur irgendwie furchterregend. Er wird einer von uns! Das unterscheidet (im
weitesten Sinne) das Christentum vom Judentum und vom Islam. Gott tut sich das menschliche
Leben selber an. Dabei lässt er sich auf einfachste Verhältnisse ein.
Der seelsorgerliche Sinn ((„Was zu tun
ist“):
Diese
Bedeutung eines Textes nennen die Kirchenväter auch „moralischer Sinn“. Was
heißt das für unsere Weihnachtsgeschichte? Halte Deine Herberge offen für
Christus und für die Menschen, in denen Du ihm begegnest! Gib den Armen und
bedürftigen eine Herberge! Gib ab von deinem Geld, deiner Zeit und Deinem
Eigentum, damit Du freier wirst und andere etwas menschenwürdiger leben können!
Hör wenigstens ein wenig zu, wenn man sich bei Dir ausweint!
Der endzeitliche Sinn („Was zu hoffen
ist“):
Das
ist der eschatologische oder auch anagogische Sinn eines Textes. Wartest Du in
Deinem Herzen trotz allem Trubel still und bescheiden vor dem Stall von Bethlehem
auf das göttliche Kind? Wartest Du in der Adventszeit, dass Christus zu Dir
kommt? Möchtest Du einer von den Hirten sein oder auch nur der Ochse im Stall,
der du sowieso bist? Oder ließt Du nur eine Geschichte um ein bisschen sentimental
Weihnachten zu begehen? Vergiss nicht, dass es die „geweihte Nacht“, die
„Heilige Nacht“ ist. „Was nutzt es mir“,
schrieb ein Kirchenvater, „dass Christus zu Welt kommt, wenn er nicht in mir
zur Welt kommt!“ Meditiere und bete, dass Gott in Dir zur Welt kommt!
Jesus sind wir zeitlich näher als wir oft meinen
„Im Zenit der Zeiten, kam
sein Sohn zur Welt“. So heißt es im Gotteslob (Nr. 297). Das werden wir in der
bevorstehenden Adventszeit wieder bedenken und zu Weihnachten feuiern. Die Geburt
Christi beschreibt aus christlicher Sicht den Höhepunkt aller Geschichte, nicht
nur der menschlichen. Damit haben aber viele Gläubige auch ein Problem: „Nun
sind schon 2000 Jahre seit diesem Höhepunkt der Zeiten, seit der Geburt Jesu
vergangen. Und noch immer hat sich an dem Bösen in der Welt erfahrbar kaum
etwas geändert! Ganz zu schweigen von der Wiederkunft, die die erste Generation
der Christen noch sehr unmittelbar erwartet hatte. Darüber sind sie alle
gestorben.“
Dazu
einige Gedanken: Die ältesten afrikanischen Funde menschenartiger Fossilien (zuletzt
„Lucys Baby“), sind zirka 3,3 Millionen Jahre alt. Manche Altertumsforscher
sprechen unseren Vorgängern erst ab etwa einem Zeitpunkt von vor zwei Millionen
Jahre die Bezeichnung „Menschen“ zu. Dabei handelte es sich um den „homo
habilis“, den „befähigten Menschen“, dem der „homo erectus“ folgte. Seit
vielleicht einer Million bis 600.000 Jahren vor unserer Zeit haben Vormenschen
in wechselnden Populationen auch die jeweils bewohnbaren Teile des eurasischen
Kontinents, bevölkert. Die Entdeckung eines Unterkiefers des 600.000 Jahre
alten Homo heidelbergensis jährt sich 2007 zum 100. Mal. Die altsteinzeitlichen
Jäger und Sammler waren jahrtausendelang aktiv, errichteten an den
unterschiedlichsten Stellen Europas oft dauerhafte Jagdlager und feilten immer
wieder an der Form ihrer steinernen und organischen Werkzeuge. Zu diesen alten
Steinzeitmenschen gehörten zuletzt auch die Neandertaler (ca. 200.000 bis ca.
40.000 vor heute), die nach letzten Erkenntnissen keineswegs die tumben Höllenbewohner
waren, für die man sie lange hielt.
Jahrzehntausendelang dauert die Phase der
Eiszeitjäger, in denen sich „moderner Mensch“ und „Neandertaler“ immer wieder
begegneten. Die letzte Eiszeit dauerte zirka 25.000 Jahre und endete vor etwa
10.000 Jahren. Unsere heimatliche Landschaft ist bis heute von den
Erdverwerfungen beispielsweise des Warschau-Berliner Urstromtals geprägt. Reich
ist das kulturelle und künstlerische Leben der Mammutjäger. Davon zeugen die
wunderschönen, jahrzehntausende alten Figurinen und Elfenbeinschnitzarbeiten,
die sich beispielsweise in den Schwemmsanden der Höhlen der Schwäbischen Alb
erhalten haben.
Zuletzt verblüfften die Ausgrabungen in Anatolien am
Göbleki Tepe. Vor 12.000 Jahren entstanden dort, noch vor der Entwicklung der
Landwirtschaft in einer Gesellschaft von Steinzeitjägern die wohl ersten
monumentalen Tempelanlagen.
Tierkulte, Ahnenkulte, Mutterkulte, Todeskulte: Ein
gewaltiger Bestand an religiösen Formen begegnet uns in den teils fossilen
Zeugnissen all dieser Zeiten. Elemente davon finden sich auch in der
Kultausübung der großen Religionen. Teile der katholischen Liturgie,
beispielsweise in der Osternacht, erinnern an archaische Kultelemente
(Lichtzauber, Beschwörungen, Weihen…), wenn auch christlich aufgeladen und
interpretiert. Schon immer haben die Menschen versucht Gott nahe zu kommen,
wurden wohl erst dadurch zu Menschen.
Wir
sind also dem Zenit der Zeiten sehr nahe. „Läppische“ 2.000 Jahre trennen uns
von dem Menschen Jesus von Nazareth. Weit über einhunderttausend (!)
Generationen sind demgegenüber seit denn frühen Phasen der Menschwerdung vor
mehr als drei Millionen Jahren vergangen. Und noch einmal viele hundert
Millionen Jahre, in denen Gott das Leben auf der Erde erschuf und sich entwickeln ließ. Auch diese Schöpfung
und die Jahrmilliarden davor, hat stets „nach Erlösung geseufzt“ und sie - wenn
unser Glaube wahr ist – durch die Heilstat Christi erhalten. Wir leben also in
privilegierten Zeiten. Das entbindet uns nicht der Tatsache, dass wir an
unserem eigenen Heil mitwirken müssen, soll es sich einmal, alle
Zeitvorstellungen hinter sich lassend in Gott vollenden.
Von Augustinern bis Ursulinen
Katholische Orden sind in Berlin sehr präsent
Im Alltag der Metropole Berlin nimmt man Mönche, Nonnen und andere katholische Ordensleute selten wahr. Vielleicht liegt das daran, dass sie heute meist nur bei kirchlichen Anlässen im klassischen Ordensgewand auftreten. Ein Blick in das katholische „Telefonbuch“, den „Schematismus für das Erzbistum Berlin“ belehrt uns eines Besseren. Insgesamt sechzig verschiedene Ordensgemeinschaften mit einigen hundert Mitgliedern sind vorwiegend im Berliner Erzbistum tätig. Sie haben die unterschiedlichsten geistlichen Ausrichtungen (Spiritualitäten) und Aufgabenfeldern Ordensschwestern und -brüder betreiben Suppenküchen und pflegen Aids Kranke, predigen und feiern Messe, betreuen Kirchengemeinden oder sind als Dozenten und Gefängnisseelsorger aktiv. Dabei sind die einzelnen Orden kirchenrechtlich selbständig, in der praktischen Arbeit jedoch dem jeweiligen katholischen Ortsbischof unterstellt.
„Richtige“ Nonnen
Am bekanntesten bei den Schwestern der verschiedenen Kongregationen sind natürlich die großen Klöster der Karmelitinnen und Steyler Anbestungsschwestern in Charlottenburg und das Benediktinerinnenkloster in Alexanderdorf. Hier handelt es sich um „richtige“ Nonnen, die vorwiegend in Klausur, also abgeschieden im Gebet für sich und andere leben, aber auch viele Gäste für Einkehrtage empfangen oder beispielsweise am Heckerdamm einen beliebten Klosterladen führen. Viele andere weibliche Ordensgemeinschaften haben mehr praktisch caritative Aufgaben. Beispielsweise die Krankenpflege und Krankenhausseelsorge. Dazu gehören unter vielen anderen auch die unterschiedlichen Zweige der Franziskanerinnen, der Dominikanerinnen oder auch die Hedwigsschwestern aus dem stadtbekannten Krankenhaus in Mitte. Viele kleine Gemeinschaften leben verstreut über das ganze Gebiet des Erzbistums, teilweise in kleinen Wohngruppen und sind normalen Kirchengemeinden oder sozialen Projekten zugeordnet und verdienen dort ihren Lebensunterhalt.
Prediger in Moabit
Auch bei den Ordensmännern, die heutzutage zumeist auch katholische Priester sind, gibt es viele kleine „Kommunitäten“. Im Rampenlicht stehen aber eher die großen Konvente der klassischen Bettelorden: So beispielsweise die „Predigerbrüder“, also die Dominikaner, die seit bald 1860 im tiefsten Moabiter Kiez wirken. Derzeit hat die Gemeinschaft zehn Patres und dauerhafte Gäste. Bekannt auch die Franziskaner vor allem mit dem Kloster und der großen Suppenküche in Pankow und der St. Ludwig Gemeinde in Wilmersdorf. Salvatorianer, Steyler Missionare und Salesianer sind andere bekannte Orden in Berlin. Schließlich, mit dem immer noch zahlreichsten Personalbestand, die Gesellschaft Jesu des heiligen Ignatius von Loyola. Besser bekannt sind sie als Jesuiten und es gibt sie an mehreren Standorten stadtweit. Dazu gehört das ignatianische Zentrum an der Neuen Kantstraße und das bekannte Gymnasium „Canisius Kolleg“ am Tiergarten.
Klassische Mönche, wie beispielsweise die Benediktiner, wird man in der Innenstadt meist vergeblich suchen. Aber nicht weit entfernt, in Birkenwerder, hat das kleine Karmelitenkloster seit vielen Jahren mit geistlichen Angeboten eine große Ausstrahlungskraft im deutschsprachigen Raum.
Neue Ordensformen präsent
Neben vielen weiteren klassischen Orden findet man in Berlin auch die sogenannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“. Das sind Gruppen, in denen nicht nur katholische Christen unterschiedlichen Standes, teilweise auf Lebenszeit zusammenleben. Da teilen sich dann durchaus auch einmal Priester, Familien und andere Engagierte einen Wohnkomplex und bestimmte gemeinsame Aufgaben. Am bekanntesten ist die französische Gruppe Chemin Neuf (Neuer Weg), die die katholische Gemeinde Herz Jesu im Prenzlauer Berg betreut. Oder der „Neokatechumenale Weg“, der in Berlin ein eigenes Priesterseminar unterhält.
Viele Gemeinschaften haben zwar insgesamt Nachwuchsprobleme. Da Berlin aber auch für Orden wichtig und anziehend ist, merkt man davon in der Hauptstadt nicht viel. Außerdem kommen inzwischen viele Ordensleute aus anderen Ländern, beispielsweise aus Indien, Südamerika und Afrika zum Einsatz. Die Kirche ist eben eine ziemlich internationale Angelegenheit.
Vortrag und Diskussion zu Johannes XXIII im Dominikanerkloster St. Paulus, Berlin
Für einige der älteren Besucher der Vortragsveranstaltung im Berliner Dominikanerkloster am 19.Oktober 2006 dürfte der Abend in denkwürdiger Erinnerung bleiben. Was dort eine junge Theologin und Historikerin über den „guten Papa“ Johannes XXIII. vorlegte, hat lieb gewonnene Vorstellungen und Sichtweisen über den „Reformpapst“ und das II Vatikanische Konzil (1962-65) arg strapaziert. Seit Jahrzehnten galt als gesichert und wurde und wird in tausenden von theologischen Veröffentlichungen immer wiederholt: Nach Pius XII wurde Johannes XXIII zum Papst kreiert. Die Kirche befand sich in einer Phase der Stagnation gegenüber der modernen Welt. Eine neuscholastische, antimodernistische Theologie beherrschte das römische Lehrgebäude und hoffnungsvolle Denkansätze (nouvelle theologie, Arbeiterpriester) und Personen (Chenu, Congar, de Lubac u.a.) wurden massiv diszipliniert. Völlig überraschend, ja im Alleingang, so die heute noch herrschende Meinung, verkündete Johannes kurz nach seiner Inthronisation in St. Peter vor den Toren die Einberufung eines ökumenischen Konzils, also eines Konzils der katholischen Weltkirche, um damit die Kirche zu reformieren und frischen Wind einzulassen. „Alles Unsinn“, so Alexandra von Teuffenbach. Johannes XXIII war seinem Wesen nach ein zwar gutmütiger, aber nach allem, was man von ihm weiß und real nachlesen kann konservativer Kirchenführer. Seine päpstlichen Liturgien waren klassisch pompös. Bei einem regionalen Konzil in seiner alten Bischofsdiözese, hatte er über mehrere Tage lang die theologischen Vorlagen nicht diskutieren, sondern, ganz nach alter Gangart, dem Kirchenvolk zum Abnicken lediglich vorlesen lassen. Die Idee einer Fortsetzung, einer Vollendung des ersten Vatikanischen Konzils hatte es zudem schon lange zuvor gegeben und war Johannes nicht als Geistesblitz eingegeben worden. Für all diese Positionen spricht die Tatsache, dass die Vorlagen der konservativen Vorbereitungskommissionen des II Vatikanums von Johannes ohne Widerspruch zugelassen, ja zustimmend zur Kenntnis genommen wurden. Erst im Verlauf des Konzils erfuhren sie zum Teil gravierende Veränderungen, an denen Johannes (der Papst starb während des Konzils) nicht oder kaum mitwirkte. Es scheint also wirklich so zu sein, dass sich ein rebellischer Zeitgeist bestimmter Bereiche des Konzils bemächtigte und ganz andere Dinge geschahen, als der einberufende Papst geplant hatte. Für von Teuffenbach und ihre Positionen spricht ihr profundes Archivwissen. Und ihr bescheidener und keiner Frage ausweichender Auftritt. Sie wirft nicht lediglich drei alte Bücher zusammen, um ein neues zu schreiben. Stattdessen hat sie bereits für ihre Doktorarbeit, und nachweislich für zahlreiche Arbeiten über wichtige Konzilspersönlichkeiten endlose Stunden in den vatikanischen Archiven mit Puzzlearbeit verbracht. Das sie sich damit bei der derzeitigen liberalen Herrschaftstheologie wenig Freunde macht liegt auf der Hand. Nun kann man fragen, was das Ganze beiträgt. Die liberalen katholischen Theologen können argumentieren: „Selbst wenn Johannes XXIII konservativer war, als lange Zeit angenommen, so hat sich eben eine neue Auffassung während des Konzils durchgesetzt.“ Konservativere Vertreter würden dagegenhalten: „Die gesamte Interpretation des Konzils ist in großen Teilen grob verfälschend, die eigentlichen Aussagen der Kirchenversammlung sind eher klassisch zu interpretieren.“ Am Ende wird sich wahrscheinlich in der Synthese eine ganz neue Sichtweise des Konzils ergeben. Immerhin: Von Teuffenbachs Arbeit lehrt uns einmal mehr, dass man Mehrheitsmeinungen nicht immer als unumstößliche Wahrheiten annehmen muss. Olaf Lezinsky Bücher von Alexandra von Teuffenbach: „Aus Liebe und Treue zur Kirche – Eine etwas andere Geschichte des Zweiten Vatikanums“, Morus Verlag 2004, 150 Seiten, 8,80 € „Die Bedeutung des subsistit in (Lumen Gentium 8) – Zum Selbstverständnis der Katholischen Kirche, Herbert Utz Verlag, 2002, 440 Seiten, 59,- € „Papst Johannes XXIII begegenen“, 2005, St. Ulrich Verlag,168 S., 11,90 €
2025 ist die Kirche wieder vereint
Die Evangelische Kirche in Berlin, Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz gibt es in 25 Jahren in dieser Form nicht mehr. Stattdessen lebt die reformatorische Tradition, soweit es die Mehrzahl der ehemals evangelischen Christen betrifft, in der „Protestantisch-unierten Kirche der verschiedenen evangelischen Riten“ als Teil der allgemeinen, also der katholischen Weltkirche fort. Was 2006 noch unglaublich und bestenfalls als ökumenische Traumtänzerei erscheinen musste, entwickelte sich in den dann folgenden Jahren mit großer innerer Dynamik. Auslöser für den ökumenischen Prozess, der zur Wiedereingliederung großer Teile des deutschen Protestantismus in die lateinische Weltkirche führten, waren allerdings fast überwiegend außerkirchliche Entwicklungen und massive Sachzwänge. Auch nach inzwischen mehr als einem Jahrhundert ökumenischer Gespräche, theologischer Annäherungen und gut gemeinte Veranstaltungen, hatte es keine wirklich praktischen Schritte hin zu einer Wiedervereinigung gegeben.
Massive Kirchenaustritte bei den Großkirchen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und wirtschaftliche Probleme des ehedem starken deutschen Staates, ließen die beiden größten kirchlichen Organisationen zunehmend verarmen. Schon früh war dies Grund für manch kirchliche Kooperation, mit denen „Synergien geschaffen und Doppelstrukturen abgebaut werden sollten“. Ständige weltweite Konflikte mit einem sich radikalisierenden Islam und die wirtschaftliche Not in Deutschland führten darüber hinaus zu einem Wertewandel innerhalb der Kirchen. Die liberale Generation der evangelischen 68`er Pfarrer und der katholischen, durch das II. Vatikanische Konzil geprägten Geistlichen trat nicht nur aus Altersgründen langsam ab. Sie sprachen auch zunehmend weniger die religiösen Bedürfnisse der eigenen Schäfchen an. Dem, den Kirchen immer noch aufgeschlossenen Massenpublikum, war deren Grundhaltung stets eher fremd geblieben. Das Priester- oder Pfarrerbild der breiten säkularisierten Öffentlichkeit wurde viel mehr durch das Bild des Geistlichen in den Massenmedien traditionell geprägt. Eine pragmatisch-konservativere Generation von religiösen Spezialisten wuchs heran, die zwar manche Erscheinung der modernen Welt völlig selbstverständlich hinnahmen, gleichwohl wieder manch vergessene Tradition neu belebte.
In dem endlosen Auf und Ab der Kirchengeschichte verschoben sich die Werte wieder einmal von der „actio“ zur „contemplatio“. Spiritualität und Meditation, Christliche Innerlichkeit und kultische Verlässlichkeit wurden vielen Menschen in rundherum unsicheren Zeiten wichtiger, als eine Kirche, die sich oft nicht wesentlich von der Arbeiterwohlfahrt unterschieden hatte. Die christlichen Kerndogmen wurden zwar auch nicht von sehr viel mehr Menschen (inklusive manchem aktiven Christen) wirklich verstanden, als zu allen anderen Zeiten. Aber man schätzte es wieder, wenn sie betont wurden und man sah darin die eigene kulturelle und regionale Identität in einer kalten, globalisierten Welt betont.
Hier bereits konnte die katholische Kirche leichter punkten. Denn bei aller Betonung der regionalen Besonderheiten, die sich beispielsweise in der Vielzahl der orthodox-unierten Gottesdienstriten und in z.T. äußerst stark divergierenden katholischen Mentalitäten niederschlug, konnte man doch auch stets die positiven Aspekte des weltumspannenden Charakter betonen. Papstwechsel und andere bedeutende katholische Ereignisse, wie beispielsweise die Weltjugendtage wurden zu „Megaevents“, denen der fragmentierte Protestantismus wenig Gleichwertiges entgegensetzen konnte. Fast schon selbstverständlich nahmen jedoch an solchen Veranstaltungen auch evangelische Christen aus aller Welt teil. Dabei gewann man jedoch den Eindruck, dass diese Entwicklung inhaltlich nicht einseitig verlief. Vielmehr schien es sich so zu verhalten, dass immer mehr säkularisierte Christen oder Christen verschiedenster Denominationen, sich sozusagen wiederum die alte Mutter Kirche aneigneten. Sie brachten, als sei es das selbstverständlichste der Welt, ihre eigenen Traditionen mit auf den Petersplatz nach Rom. Und das im besten katholisch-pragmatischen Sinne, ohne dabei gleich römischer zu werden als der jeweilige Papst.
Römischerseits konnte man sich solchen Umarmungen kaum entziehen. So war es beispielsweise schon bei der Totenmesse für Johannes Paul II. niemandem eingefallen, dem lutherischen Begründer der Taizee-Gemeinschaft, dem auch für Katholiken im Ruf der Heiligkeit stehenden Frere Roge die Kommunion zu verweigern. Koalitionen bildeten sich zeitgleich nicht selten über Konfessionsgrenzen hinaus zwischen den verschiedenen innerkirchlichen Lagern. Freikirchler und katholische Traditionalisten waren sich einig in der Ablehnung einer überzogenen Betonung der historisch-kritischen Exegese. Charismatiker beider Konfessionen lebten zusammen in geistlichen Gemeinschaften. Liberale evangelische und katholische Kräfte betonten demgegenüber ihre Gemeinsamkeiten. Trotzdem konnte auch diese Entwicklung die ökumenische Einheit nicht erzwingen. Zu stark waren vor allem die strukturellen, mentalen, theologischen und institutionellen Unterschiede, die z.T. über Jahrhunderte gewachsen waren. Selbst der weitgehende Kompromiss in der Rechtfertigungsfrage um die Jahrtausendwende hatte daran nichts geändert. Erst der fast vollständige finanzielle Kollaps der beiden deutschen Großkirchen und der sanfte Druck des Staates, der wieder mit einer Art Religionspolitik begonnen hatte und sich eine gesellschaftlich stabilisierende, einheitliche Kraft wünschte, führte schließlich 2015 zur Aufnahme von Wiedervereinigungsverhandlungen, zwischen der EKD und Rom. Es wird berichtet, dass beide Kirchen zu diesem Zeitpunkt nur noch mit Mühe überhaupt ihre hauptamtlichen Mitarbeiter bezahlen konnten. Die Bundesregierung jedoch hatte die Anhebung der staatlichen Transferleistungen und die Weiterführung des Kirchensteuerwesens an die christlichen Großorganisationen unter den Vorbehalt gestellt, dass man nun „sichtbar und nachhaltig wieder zusammenrücken müsse“. Die staatlichen Sparmaßnahmen zielten auch in diesem Zusammenhang auch insbesondere auf die Finanzierung von theologischen Professorenstellen. Auf diese Weise konnte der akademische Widerstand, insbesondere in der evangelischen Professorenschaft effektiv eingedämmt werden.
Insgesamt vermieden führende Kreise bei Beginn der Verhandlungen von „ergebnisoffenen“ Gesprächen zu sprechen. Kompromisse sollten, nötigenfalls mit starkem Druck herbeiverhandelt werden. Zu einmalig erschien die historische Konstellation. Nicht wenigen Politiker aller Konfessionen und Kirchenleute sahen die reale Chance, ihre Namen in den Geschichtsbüchern als Spaltungsüberwinder verewigt zu sehen.
Die katholische Seite wurde klugerweise fast ausschließlich durch die, weltkirchlich als immer noch viel zu liberal kritisierte deutsche Bischofskonferenz vertreten. Der hochbetagte Papst soll die Angelegenheit gleichwohl selbst mit angestoßen und intensiv verfolgt haben. „Fordert Ihnen nicht zu viel ab um der Einheit des Leibes Christi willen“, lautet ein päpstliches Originalzitat aus dieser Zeit. Und: „Bedenkt, dass auch der Heilige Papst Gregor von den christkatholisch gewordenen Angeln nicht sogleich forderte, auf alle Eigenheiten und Feste zu verzichten“. Nicht belegt und wohl auch unhistorisch ist der Ausspruch „Wenn wir sie erst einmal im Sack haben, wird es schon werden.“ Auf protestantischer Seite betonten die Befürworter einer Wiedervereinigung die Schlusskapitel des Johannesevangeliums. Dort wird zwar dem Petrus durch den auferstandnen Herrn das Recht der Verwaltung der Kirche zugesprochen („Weide meine Lämmer, weide meine Schafe“). Der gleiche Autor betont aber nur wenige Zeilen weiter vor allem die Rolle des „Lieblingsjüngers“, der eher für die charismatische Johannesgemeinde steht. Damit wollte man betonen, dass eine formale Anerkennung des römischen Primates nicht das Ende der eigenen Traditionen bedeuten müsse.
Während jedoch organisatorische Fragen, beispielsweise eine Zusammenlegung von Verwaltungen, Diakonie und Caritas, kirchlicher Presse, Hilfswerken, kirchlichen Schulen und vieles mehr von erfahrenen Fachleuten und externen Beratern von McKinsey und der KMPG schnell geklärt werden konnten, so waren es dann doch die praktischen und grundsätzlichen theologischen Fragen, die vor einer Vereinigung zu lösen waren. Zu einem maßgeblichen Lösungsansatz wurde hier die ökumenische Theologie des verstorbenen Dominikaners Yves Congar, der in seinen späten ökumenischen Werken stets die altkirchliche Akzeptanz regionaler Strukturen und Traditionen herausgearbeitet hatte. (z.B.:Diversités et communion, 1982).
Klar war, dass es zumindest vielen praktizierenden evangelischen Christen nicht einfach zugemutet werden konnte im klassischen Sinne katholisch zu werden. Das übliche Versprechen bei der Aufnahme eines Erwachsnen lautet ja bis heute: „Ich glaube und bekenne alles was die heilige Kirche lehrt.“ Man wollte weitere Massenaustritte durch die Aufstellung zu hoher Hürden vermeiden. Da die christliche Taufe von beiden Kirchen außerdem gegenseitig grundsätzlich anerkannt war, bestand auch keine Notwendigkeit, Menschen vollkommen neu und individuell, möglicherweise sogar gegenseitig aufnehmen zu müssen. Die katholische Seite schlug also ein Verfahren vor, dass es bislang nur im Zusammenhang mit den zahlreichen, weitgehend eigenständigen lokalen Ostkirchen orthodoxer Tradition gegeben hatte. Man einigte sich darauf, die EKD als „unierte Kirche eigener Riten“ zu behandeln. („Uniert“ darf hier nicht mit dem protestantischen gleichnamigen Begriff verwechselt werden, der die, durch die preußischen Könige zwangsverordnete Zusammenlegung des lutherischen und reformierten Bekenntnisses meint). Damit schlug man mehrere Fliegen mit einer Klappe. Zahlreiche Eigentraditionen konnten beibehalten werden. So war es z.B. völlig unproblematisch, dass evangelische Geistliche, auch solche mit quasi katholisch-priesterlichem Ordo (Weihecharisma), also Lutheraner mit katholischem Abendmahlsverständnis, verheiratet bleiben konnten. Wollen sie sich auch nach katholischem Ritus weihen lassen, so können sie sich vor der Weihe verheiraten und brauchen dann nicht zölibatär zu leben. Dies gilt seit jeher auch in orthodox-unierten Kirchen. In der Praxis hat das aber auch dazu geführt, dass manch katholischer Priesteranwärter vor seinen endgültigen Weihen in die uniert-protestantische Kirche wechselt.
Die Gesamthereinnahme der größten protestantisch-deutschen Bekenntnisse, also lutherisch, reformiert und uniert innerhalb einer Rom angegliederten Kirche, erlaubte es auch, dass diese Bekenntnisse intern weiterexistieren konnten. Aus römischer Sicht gelten zwar weiterhin nur solche Lutheraner als absolut vollwertige Priester, die bewusst den katholischen Ordo empfangen. Allen anderen Geistlichen wird aber gleichwertiger Respekt entgegengebracht, soweit sie ihre kultischen Handlungen im Rahmen der eigenen unierten Kirche vollziehen. Rom akzeptierte von neuem ausdrücklich, dass es unter dem weiten Dach der Kirche auch Abendmahlsfeiern und –feiernde gibt, die die Einsetzungsworte nur symbolisch verstanden wissen wollen. „Das ist dann eben keine Eucharistie, sondern eine spirituelle Vereinigungsfeier, die gleichwohl das Petrusamt nicht gering schätzt,“ soll der Heilige Vater in Rom diesen Kompromiss genehmigt haben. Allen protestantisch-unierten Geistlichen ohne den römischen Ordo, wurde gleichwohl „um der Liebe Christi willen“ die formale Würde des Diakonatsamtes und der amtliche Titel „Pfarrer“ zugestanden, wiewohl man auch hier unterscheidet, ob man es als Teil des klassischen Weihesakramentes, oder als Ehrentitel der betreffenden Person betrachtet.
Der Heilige Vater selbst schaffte ein großes Problem aus der Welt. Er konnte zwar das lehramtlich verbindliche „Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes in bestimmten Fragen und in Übereinstimmung mit dem breiten Willen des Gottesvolkes“ nicht annullieren und hätte dies auch sicher nicht gewollt. Ähnlich aber den zahlreichen Privilegien der unterschiedlichsten katholischen Bistümer und Domkapiteln weltweit, garantierte er durch päpstlichen Erlass den deutschen Protestanten im Verbund der Weltkirche eine große Zahl von Rechten, Privilegien und Zusagen, die „allein durch den Willen der Betroffenen selbst und erst nach reichlicher Überlegung“ (also i.d.R. nicht unter 200 Jahre) aufhebbar sind. Für die unierten deutschen Protestanten ist heute der Papst zwar der formale Oberhirte, aber mehr als für andere Christkatholiken primus inter pares. Zugleich akzeptiert Rom eine weitreichende Dispenspolitik der katholischen Bischöfe in problematischen Einzelfragen, ohne dass damit grundsätzliche Präjudizien geschaffen werden.
Zahllose Debatten und ein beinahe vollständiges Scheitern der Wiedervereinigungsgespräche wurden durch die Frauenfrage und die Frage nach der Rolle der Homosexuellen in der Kirche ausgelöst. Die Bundeskanzlerin selber musste eingreifen um die Parteien zurück an den Verhandlungstisch zu zwingen. Sie forderte, in Übereinstimmung mit einer parteiübergreifenden Koalition kategorisch pragmatische Kompromisse, solle der Staat nicht sämtliche staatskirchlichen Verträge aufkündigen und sich vollständig aus dem kirchlichen Steuerwesen und den diversen Querfinanzierungen zurückziehen. Dass zog und man mag, will man es nicht als zu profan auslegen, darin das pragmatische Handeln des Heiligen Geistes wiedererkennen. Außerdem strömten, in der medial aufgeladenen Stimmung nun auch zahllose getaufte, bisher jedoch inaktive Kirchenmitglieder in kirchliche Versammlungen und überstimmten Pfarr-und Gemeinderäte, die sich gegen eine Einigung gewandt hatten, aber selten mehr als nur einige wenige Prozente der eingeschriebenen Christen vertraten. Hier spielten sich ähnliche Szenen ab, wie um die Jahrtausendwende bei der deutschen Partei der Grünen. In ihren Anfängen hatte sich diese Organisation für plebiszitäre Elemente stark gemacht. Als man dann an der macht war, begann man in nicht wenigen Fragen plötzlich den Mehrheitswillen des Volkes zu fürchten. Ähnlich verhielten sich nun evangelische Synodale und katholische Diözesanräte. Diese Laienräte hatten zwar stets das „Wir sind Kirche“ betont, stimmten nun aber doch lieber pragmatischen Kompromissen zu, als gänzlich hinweggefegt zu werden.
Die ausgehandelten Kompromisse in diesen schwierigen Fragen sollen hier nur in kurzen Stichpunkten wiedergegeben werden: Für Pfarrerinnen wurde katholischerseits das altkirchliche Amt der Diakonissin (nicht zu verwechseln mit der traditionellen evangelischen Diakonissin) wiederbelebt. Damit sind Frauen keine Priesterinnen, können also weiterhin kein Anteil am Weihesakrament haben, dürfen aber den amtlichen Titel Pfarrerin oder Pastorin tragen. Abendmahlsfeiern, die nicht als klassische katholische Eucharistie verstanden werden, können unter dem Vorsitz einer ordinierten Frau erfolgen. Hier ist insbesondere das schmerzhafte Akzeptieren dieses Kompromisses durch die lutherischen Pfarrerinnen hervorzuheben, die ein katholisches Wandlungsverständnis haben. Sie glauben in ihren Abendmahlsfeiern auch weiterhin, dass sich Fleisch und Blut des Herrn tatsächlich dem Wesen nach wandeln, müssen aber zugleich akzeptieren, dass ihre Mahlfeier nicht als vollwertige Eucharistie angesehen wird. Eine heroische Haltung, die noch nicht ausreichend gewürdigt und reflektiert wurde.
Auch Bischöfinnen gibt es aus römischer Sicht nicht im vollgültigen Sinn des katholischen Weiheamtes. Allerdings können evangelische Pfarrerinnen den Ehren- und Amtstitel Bischöfin erhalten. Insoweit Sie bischöfliche Insignien tragen, orientierte sich Rom hierbei an der Erlaubnis für Äbtisinnen katholischer Orden, die dazu ebenfalls berechtigt sind. Diese dürfen beispielsweise den Krummstab tragen. Im Alltag jedoch sind sie weitgehend autonom. Evangelische Episcopae sind bei Bischofssynoden jedoch vollständig redeberechtigt, wie ihre männlichen Mitbrüder, die nicht nach katholischem Ordo geweiht werden. Ein kompliziertes Wahlverfahren der männlichen evangelisch-unierten Bischöfe mit katholischem Ordo, die bei römischen Bischofssynoden wahlberechtigt sind und eine Art imperatives Mandat, dem sie sich unterwerfen müssen, wahrt den Einfluss der anderen evangelischen Bekenntnisse. Obwohl große Teile der Frauenbewegung und viele feministische Theologinnen tobten, gab es auch zahlreiche zustimmende Worte. Die hochbetagte Feministin Alice Schwarzer, die in ihren späten Jahren katholisch geworden war, bezeichnete diese Einigungen als wichtigen pragmatisch-substanziellen Einbruch in das feste Gefüge des traditionellen Katholizismus.
Unverkennbar war in dieser Diskussion auch eine Art Rückgewinnung der marianischen Dimension des Protestantismus. Luther selbst war bis zu seinem Tod ein glühender Marienverehrer gewesen. Diese Tradition war aber in den nachreformatorischen Jahrhunderten in der evangelischen Kirche fast ausgestorben. Die Rückbesinnung auf den Gleichklang von „Mutter, Frau, Dienerin und Königin“ eröffnete nun vielen Protestanten einen neuen Zugang zum Glauben in der Weltkirche, der zugleich von Demut und Selbstbewusstsein gleichermaßen geprägt ist.
In Fragen der Homosexualität musste Rom weit über seinen Schatten springen. Natürlich war es offiziell weiterhin unmöglich praktizierende Schwule im katholischen Sinne zu Priestern zu weihen. Aber man akzeptierte, dass innerhalb der neu unierten evangelischen Teilkirche hier teils andere Regeln galten. In der katholischen Kirche selbst setzte sich endlich die Ansicht durch, dass Homosexualität an sich kein Weihehindernis darstellt, wenn der Weihekandidat glaubwürdig bereit ist zölibatär zu leben.
Überhaupt blendete man eine große Zahl strittiger Detailfragen aus, um die Gesamteinigung nicht scheitern zu lassen. Heiligen- und Reliquienverehrung gehören ebenso dazu, wie bis ins letzte Detail geklärte Fragen nach der Anzahl der Sakramente und dem jeweiligen Verständnis. Zwar dürfen grundsätzliche Dogmen der lateinischen Weltkirche nicht grundsätzlich von den Evangelisch-Unierten in Frage gestellt werden. Die gesamte Regelung wurde jedoch unter den Vorbehalt einer regelmäßigen Überprüfung gestellt, die anfänglich alle zehn Jahre grundsätzliche Fragen und Probleme erörtern soll. Zahlreiche Kritiker erhielten sehr gut dotierte Positionen in diversen theologischen Kommissionen, die den langwierigen Prozess des Zusammenwachsens begleiten. Auch wurden umfangreich römische Ehrentitel in der neuen Teilkirche verteilt.
Jetzt ist es zu früh eine abschließende Bewertung des begonnenen Prozesses vorzunehmen. Allerdings hat er eine eigene Dynamik entwickelt. Mehr als je zuvor und trotz mancher evangelischer Austritte und Übertrittein in andere evangelische und evangelikale Gemeinschaften, eignen sich deutsche Katholiken und Protestanten gegenseitige Traditionen an. Erst langsam dämmert auch manch streng-traditionalistischem Katholiken, welche Schätze an persönlicher, nur in Schrift und Christusliebe verankerter Frömmigkeit in den protestantischen Traditionen zu finden ist. Zahlreiche katholische und evangelische Orden und geistliche Gemeinschaften beraten sich über Kooperation und Zusammenlegung. Auch auf höchster römischer Ebene hat es fundamentale Neuauslegungen der alten Sichtweisen gegeben. Derzeit bereitet man sich in Rom auf die Seligsprechung Martin Luthers, Dietrich Bonhoeffers, eine Reihe evangelischer Märtyrerinnen aus der NS Zeit und Frere Rogers vor.
Erschienen in dem Sammelband: Kirche 2025, Hg. Friederike von Kirchbach, Wichern Verlag 2006
Dan Browns „Sakrileg – der da Vinci Code“ jetzt im Kino
Derzeit läuft die Verfilmung von Dan Browns Erfolgsroman auch in den deutschen Kinos an. Vermutlich mit großem Erfolg. Die Grundthese des spannend geschriebenen Thrillers und des Films lautet in etwa so: Jesus war ein normaler Mensch. Er hatte Kinder mit Maria von Magdala. Der Vatikan hat ies verschleiert, um seine Herrschaft über die Gläubigen der katholischen Kirche nicht zu gefährden. Damit wird eine alte Verschwörungstheorie wiederholt, die rational durch nichts zu belegen ist. Sie steht, allein wenn man die letzten Jahre betrachtet, in einer Reihe von ähnlich aufgemachten Titeln. Diese geben sich teils seriös, halten aber keiner ernsten Überprüfung stand. Hier ein kurzer Überblick: 1991 erscheint das vermeintliche Sachbuch „Verschlusssache Jesus“. Der Titel, der monatelang auf den Bestsellerlisten steht, versucht zu belegen, dass die Schriftrollen vom Toten Meer von katholischen Geistlichen bewusst unter Verschluss gehalten und falsch interpretiert werden. In Wirklichkeit würden sie belegen, dass Jesus ein Mitglied der Essener Sekte gewesen sei und keine Religion habe begründen wollen. Zwei Sensationsjournalisten verdrehten gnadenlos die Ergebnisse und Abläufe der historischen Forschung seit dem Auffinden der Schriftrollen nach dem zweiten Weltkrieg. Nachdem einige seriöse wissenschaftliche Untersuchungen sich mit den Thesen beschäftigt hatten, verschwand der Spuk so schnell, wie er gekommen war. 1994 ist es in „Assasini“ eine geheime Mördertruppe des Vatikans, die dafür sorgt, dass „historische Wahrheiten“ und ihre Vertreter, die nicht in die Lehre Roms passen, effektiv beiseite geräumt werden. 1998 bis heute erreicht Donna Cross mit „Die Päpstin“ immer neue Auflagenrekorde. Wiederholt wird in dem Mittelalterroman die alte Legende von der sogenannten Päpstin Johanna. Einer Frau sei es, als Mann verkleidet, gelungen als Papst gewählt zu werden. Der Vatikan vertusche dies seit Jahrhunderten. Der Unsinn wird durch Wiederholung nicht wahrer. Schon der deutsche Historiker Ignaz Dollinger, ein scharfer Kritiker des Unfehlbarkeitsdogmas und Mitbegründer der altkatholischen Kirche hat in seinem Buch „Papstlegenden des Mittelalters“ diese Fama im 19. Jahrhundert in das Reich der Märchen eingeordnet. Schon 2000 hatte Dan Brown mit „Illuminati“ eine Megaerfolg. Auch diesmal führen die Spuren eines Mordes an einem Wissenschaftler zur einer vatikanischen Geheimloge, die ungeheuerliche Wahrheiten zu verbergen sucht und dabei nicht zimperlich vorgeht. 1999 und 2000 erscheinen „Jesa – der letzte Tag“ und „Das Jesus Video“. Beide Bücher erheben keinen Anspruch auf historische Wahrheiten, betonen aber wieder einmal, dass dem Vatikan jedes Mittel recht ist, seinen Herrschaftsanspruch mit Lug, Trug und rabiateren Methoden durchzusetzen. Zu den intelligenteren Auseinandersetzungen mit der Thematik gehören die literarisch anspruchsvollen Science Fiction- bzw. Fantasy Werke „Das Evangelium nach Lump“ (1982) von A. Wisniewski und „Das Paulus Projekt“ (1986) von Ch. Schade. In letzterem ist gar eine Gruppe von Außerirdischen für die Entstehung der Kirche verantwortlich. Zuletzt lass man in der Presse „Enthüllungen“ über das sogenannte „Evangelium des Judas“. Dieses Werk, das seit Jahrhunderten in seiner Grundthese bekannt war, wurde als Abschrift eines Originaltextes von Archäologen gefunden, entschlüsselt und historisch-kritisch aufgearbeitet. Judas, so die Behauptung, sei freund und Erfüllungsgehilfe Jesu gewesen. Es handelt sich um ein Beispiel der ausufernden „apokryphen“ Literatur, mit denen diverse Seitenlinien der entstehenden Großkirche in der späten Antike ihre Sonderlehren untermauern wollten. Nichts Neues, aber immer wieder gut für eine schmissige Verschwörungstheorie. Im Namen der Kirche und der Religion im Allgemeinen sind auch immer wieder schlimme Dinge geschehen. Die kleine Aufzählung, die sich durch die Zeiten beliebig verlängern ließe, zeigt aber vor allem eines: Es geht in den meisten öffentlichkeitswirksamen Titeln unserer Tage nicht um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Kirchengeschichte, sondern um Humbug. Je abstruser die Grundthese eines antikirchlichen Romans, desto erfolgsversprechender. Und fast alles ist schon einmal dagewesen. Wer bei Hyppolyt von Rom („Widerlegung aller Häresien“) oder bei Irenäus von Lyon („Fünf Bücher gegen die Häresien“, wo man sich auch die Inhalte des „Judas Evangeliums“ informieren kann), also bei christlichen Klassikern nachließt, kann in der Regel alle Irrlehren finden, die es schon früh gab und die immer wieder neu aufgekocht werden. Insofern kann man wohl ohne Übertreibung behaupten: Der Schwachsinn hat Methode! Wer dagegen schon einmal in das Innere einer kirchlichen Verwaltung blicken durfte, der wünscht sich die Effektivität der ersponnen Geheimloggen und vatikanischen Kampfgruppen für den kirchlichen Alltag.
Warum sitzen die Leute nicht im Staub? Oder: Wie man sich einem biblischen Text nähern kann.
Warum verflucht Jesus einen armen Feigenbaum, nur weil der außerhalb der Saison keine Frucht trägt? Warum knetet er einen Teig aus Sand und Spucke, um damit einen Blinden zu heilen? Leicht stolpert man in der Bibel über Passagen oder auch nur einzelne Worte, an denen man „schwer zu kauen“ hat oder die schlicht unverständlich bleiben. An einem Beispiel will ich eine Möglichkeit darstellen, wie man sich mit alten und mit neuen Hilfsmitteln einer schwierigen Stelle in der Bibel annähern kann.
Im Johannesevangelium steht in der alten Herder-Übersetzung über einen Brotvermehrungsbericht (6, 10): „Da sprach Jesus: „Lasst die Leute sich lagern. Es gab aber viel Gras an dem Ort.“ Warum heißt es an dieser Stelle „aber“? Es ist doch sehr freundlich, dass Jesus die Leute sich dort lagern lässt, wo es Gras gibt, und nicht etwa im Dreck oder Staub! Die Zuhilfenahme mehrerer Bibelübersetzungen kann nun sehr fruchtbar sein. Die Wortwahl, beeinflusst durch die jeweilige Sprache, durch Zeit und Kultur, bewirkt Verschiebungen des Sinnes einer Stelle, in manchmal erhellenden Nuancen, manchmal aber auch im ganz grundlegenden Verständnis. Das mag der Grund sein, warum der Koran nur in Arabisch gelesen werden soll – doch schützt selbst das Lesen einer heiligen Schrift in der Originalsprache nicht vor dem oft elementaren Bedeutungswandel von Worten in den Epochen. In der Luther-Übersetzung findet sich eine ganz ähnliche Version: „Jesus aber sprach: „Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort.“ Und im griechischen Originaltext steht – wörtlich übersetzt- dasselbe. So auch in der Zürcher Bibel. Erst im leider oft sehr vereinfachten Text der Einheitsübersetzung, die uns im Gottesdienst vorgelesen wird, findet man eine andere Version: „Es gab dort nämlich viel Gras“. Hier wird in die Übersetzung unmittelbar eine Erklärung hineininterpretiert.
Die Verwirrung steigert sich zunächst durch einen Blick in eines der klassischen griechischen Wörterbücher. Der „Preuschen“ erklärt, dass das griechische „de“, also das „aber“ vor allem die „Hervorhebung eines Gegensatzes“ meint; jedoch nicht immer und damit scheint sich das Problem zu lösen. Die vielen vergleichbaren Stellen im Neuen Testament mit „aber“ meinen nicht die Hervorhebung eines Widerspruchs, sondern beschreiben vielmehr einen Übergang, eine Fortführung oder eine Verstärkung. Besser ist es also wirklich, wenn man mit „nun aber“ oder „dann aber“ an solchen Stelle übersetzt.
In der Kommentarliteratur wurde der vermeintliche Widerspruch, über den ich gestolpert bin jedoch überhaupt nicht thematisiert. Das zeigt einmal mehr, dass nur wir diese Formulierung als problematisch empfinden. Für die Hörer des Originaltextes ist sie unproblematisch. Stattdessen machen sich die Kommentatoren Gedanken darüber, was denn mit dem „Lagern auf dem Grase“ gemeint sein könnte.
Der berühmteste Johanneskommentar des Altertums stammt vom heiligen Kirchenvater Augustinus. Er erklärt zunächst, ganz in der theologischen Tradition seiner Zeit, dass nichts im Evangelium belanglos ist. Alles ist aufgeschrieben worden, um etwas anzudeuten. In dieser allegorischen Deutung des Augustinus lässt Jesus die Menge nicht nur aus Freundlichkeit im Gras lagern. Augustinus verbindet diese Stelle in einer anderen aus dem Alten Testament und entspricht damit der Überzeugung der Kirchenväter, dass jeder Text im Alten Testament in einem tieferen Sinn auf das zeitlich spätere Heilsgeschehen des Neuen Testaments hinweist.
Augustinus schreibt: „Denn sie lagen im Grase; sie hatten also eine fleischliche Auffassung und ruhten im Fleischlichen. Alles Fleisch ist ja Gras.“ So heißt es nämlich bei Jesaja 40,6 und weil das Gras verdorrt, will dies auf die Vergänglichkeit unseres irdischen Daseins hinweisen. Im berühmten Johanneskommentar des evangelischen Klassikertheologen Rudolf Bultmann (ab 1941), der fast alle neutestamentlichen Texte für spätere Interpretationen und nicht für authentische Berichte hielt, findet sich leider keine Ausdeutung zu unserer Stelle. Aber im Johanneskommentar von Rudolf Schnackenburg (1971) werden wir fündig: „Das viele Gras,“ so der Theologe, „gibt der Speisung einen festlichen Charakter. Jesus, der messianische Hirt, führt sein Volk – nicht mehr das alte Israel, sondern das universale Gottesvolk – auf grüne Auen (vergleiche Psalm 23,2) und gewährt ihm reiche Nahrung auf der Weide, die Speise des Lebens.“ Auch der moderne Theologe Schnackenburg steht also mit dieser allegorischen Deutung ganz in der Tradition des heiligen Augustinus.
Gibt es eine eindeutige Antwort, und ist es überhaupt wichtig, ob der Evangelist hier tiefe Gedanken hatte? Möglicherweise beschreibt er in der Art seiner Zeit, einfach nur das, was er tatsächlich erlebt hat. Seine Worte finden in unseren Ohren die Resonanz unserer Zeit. Zuviel Interpretation und Übersetzung kann die Sprache des Glaubens verarmen lassen. Trotzdem veranlasst mich der sprachliche Stolperstein mich auch auf das Fremde einzulassen. Außerdem freue ich mich an einigen der erhellenden Gedanken, die sich andere Christen darüber gemacht haben.
Maria aus theologischer Sicht: Mutter Gottes und/oder Gottesgebärerin?
Mariologie nennt man die theologische Wissenschaft, die den Marienglauben und die Marienfrömmigkeit begründet, entfaltet und in die Gesamtglaubenslehre integriert.“
Im Neuen Testament begegnet uns Maria nur im Zusammenhang mit ihrem Sohn. Erst in der Zeit der Kirchenväter, also in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten entfaltet sich die Rede von Maria. Eva und Maria werden verglichen, Maria wird als Typus der Kirche betrachtet und man macht sich Gedanken über die Gottesmutterschaft. Die geschieht zumeist in der Verkündigung und aus jeweils konkretem Anlass. Einige Theologen sehen den „Maria = Kirche Zusammenhang“ jedoch schon im Johannesevangelium ausgesprochen. Im Mittelalter wird die so entstandene Tradition im Rahmen der Christologie vertieft. Erst in der Neuzeit entstehen eigenständige Lehrgebilde über Maria innerhalb der Lehre von der Kirche (Ekklesiologie) . Den bisherigen Höhepunkt der Mariologie finden wir unter Pius IX. bis Pius XII. (Pianische Zeit). Dann begann eine Kritik an der geringen biblischen Rückgebundenheit vieler marianischer Ansätze. Dabei wurde und wird oft übersehen, dass die katholische Lehre nicht nur auf der Heiligen Schrift, sondern auch auf der Tradition der Kirche fußt. Neue Konzepte wurden nach dem II. Vatikanischen Konzil entwickelt. So beispielsweise feministische und befreiungstheologische Interpretationen.
Die Mariologie ist in jeder Hinsicht auf die Wissenschaft von der formalen Lehre der Kirche (Dogmatik) ausgerichtet jedoch deutlich lobend und preisend, da sie stets in enger Verknüpfung zur Marienfrömmigkeit steht. Neutestamentliche Aussagen (Jungfrauengeburt, Beteiligung am Prozess der Menschwerdung)) gehören ausdrücklich zur Offenbarung. Wichtig ist das personale Moment der Annahme des Heiles durch den Menschen. Das ist das „Fiat“, das „Mir geschehe nach deinem Wort“ der Maria. Sie wird so zum Mittelpunkt zahlreicher theologischer Reflexionen. Eine Festlegung der Marienlehre auf einen Bereich der Dogmatik ist kaum möglich. Die Mariologie ist somit ein Bindeglied von Ekklesiologie und Christologie.
Über Fundamentalprinzipien der Mariologie konnte man sich nie wirklich einigen. Wichtig sind oft die zeitbedingten Zusammenhänge. Heute herrscht eher eine Mariologie mit christologischer Konzentration und ökumenischer Sensibilität. Wichtig ist auch der Stand der religionswissenschaftlichen Erkenntnisse. Manche regionalen Exesse der Marienfrömmigkeit haben Ähnlichkeiten mit Muttergottheitskulten.
„Gottesgebärerin“ (griechisch: theotokos) ist der, aus der christologischen Klärung des 3.-4. Jahrhunderts erwachsene kirchliche Grundtitel Marias. Zuerst taucht er 322 bei Alexander von Alexandrien auf und dient im Wesentlichen der Verdeutlichung der hypostatischen Union ihres Sohnes. Cyrill v. Alexandrien setzt sich für den Titel Gottesgebärerin ein, der durch das Konzil von Ephesus 431 bestätigt wird. Das Konzil von Chalcedon 451 betont dies nochmals gegen (monophysitische) Tendenzen, die den irdischen Leib Jesu als „himmlisches Fleisch“ verstanden wissen wollten. Damit will man also in erster Linie keine Aussage über Maria, sondern gegen jede Einschränkung der vollen Menschlichkeit des Logos/Christus machen. „Gottesgebärerin“ will betonen, dass der Geborene von Anfang an in (hypostatischer) Einheit ganz Mensch und ganz Gott ist. Trotzdem setzte sich zunehmend der Begriff „Gottesmutter“ durch, der mehr das personale Verhältnis Jesu zu Maria beschreibt und den Menschen einfach zugänglicher war und ist. Die Begriffe werden oft ohne genaue Unterscheidung verwendet.
L. Ott (1959/1981): „Die Leugnung der wahren Menschheit Christi führt in der Konsequenz auch zur Leugnung der wahren Mutterschaft Mariens; die Leugnung der wahren Gottheit Christi führte zur Leugnung der wahren Gottesmutterschaft (Gottesgebärerin) Mariens.“
„Da Christi Leib aus dem Leib Mariens gebildet wurde, so war es geziemend, dass der Leib Mariens das Los des Leibes Christi teile (Unverweslichkeit).“
„Mit Rücksicht auf ihre Gottesmutterwürde und die darin wurzelnde Gnadenfülle kommt Maria eine besondere Verehrung zu, die zwar wesentlich geringer ist, als der Gott allein zustehende „cultus latriae“ (= Anbetung), dem Grade nach aber höher ist als der den Engeln und den übrigen Heiligen gebührende „cultus duliae“ (= Verehrung). Diese besondere Verehrung bezeichnet man als „cultus hyperduliae“.
Das Konzil von Ephesus im Jahre 431: „Wenn jemand nicht bekennt, dass der Emanuel (Christus) in Wahrheit Gott ist und das deswegen die heilige Jungfrau Gottesgebärerin (theotokos) ist – denn sie hat dem Fleische nach den aus Gott stammenden fleischgewordenen Logos geboren – so sei er ausgeschlossen.“
Römischer Katechismus (1993, Nr.: 495): „...Die Kirche bekennt, dass Maria wirklich Mutter Gottes ( Theotokos, Gottesgebärerin) ist.“
Müller A./D. Sattler, 1992, Handbuch der Dogmatik: In der orthodoxen Liturgie ist der Titel Gottesgebärerin bis heute geübte Praxis. Der westliche Gebrauch des Begriffes „Gottesmutter“ kann zu einer Vernachlässigung der christologischen Anliegen des Konzils von Ephesus führen.
Das Dogma der Gottesmutterschaft (Gottesgebärerin) umfasst zwei Wahrheiten:
- Als wahre Mutter hat Maria alles zur menschlichen Natur Christi beigetragen, was jede andere Mutter zur Bildung der Leibesfrucht beiträgt.
- Maria ist wahrhaftig Gottesmutter (Gottesgebärerin), d.h. sie hat die zweite Person der Gottheit (den Sohn) empfangen und geboren, freilich nicht der göttlichen Natur nach, sondern der angenommenen menschlichen Natur nach.
Die Rede von der Gottesgebärerin ist also ein christologisches Bekenntnis in mariologischer Aussagegestalt. Der christologische Bezug bleibt auch in der typologischen Betrachtung der Mutterschaft Marias als Urbild der Mutterschaft der Kirche gewahrt. Die Kirche schafft - wie die Mutter für das Kind - den Raum für ein mögliches und erlöstes Dasein. Maria für eine Betrachtungsweise des „direkten Offenbarwerdens der weiblichen Dimension der Göttlichkeit in Maria“ zu halten, verlässt den christologischen Sinnzusammenhang. Die „weibliche“ Seite Gottes könne man auch ohne den Umweg über Maria neu entdecken (Num. 11,12; Jes 49,15; 66, 13). Maria ist eine „von Gott selbst gnädig, initiierte, liebende menschliche Antwort auf die Anrede Gottes.“
Apokatastasis – Allversöhnung oder die Möglichkeit der Hölle?
Hand aufs Herz: Wer von uns kann es sich vorstellen, dass Gott zuletzt zulassen wird, dass am Ende aller Zeiten noch jemanden in der Hölle gequält wird? Selbst für den schlimmsten Sünder, für Judas und sogar für die dämonischsten Seelen und Wesen erhoffen doch sicher die meisten von uns, dass sie irgendwann von der Güte Gottes aus den Höllenqualen befreit werden. Die Hölle selbst denken wir uns sicher nicht mehr als mittelalterliche Folterkammer, sondern eher als einen Ort trostloser Einsamkeit. Spätestens seit der Karsamstagstheologie von Hans Urs von Balthasar glauben viele, dass es die Hölle gibt, aber dass sie durch den Sohn Gottes „geleert“ wurde. Gleichzeitig beharrt jedoch die formale katholische Lehre bei aller pastoralen Milde auf der Realität der Hölle. In den alten Geschichten von der „Höllenfahrt Christi“ steigt Jesus eben nicht hinab um alle, sondern nur um die gerechten Seelen zu retten.
Wenn der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen ist, und wenn Gott absolut frei ist, dann muss auch der Mensch etwas von dieser Freiheit geerbt haben. Zu dieser Freiheit gehört auch, sich gegen den Allmächtigen entscheiden zu können. Nicht Gott macht die Hölle. Er will unsere Liebe und das wir mit ihm in Ewigkeit leben. Die Menschen machen sich die Hölle selber, wenn sie sich gegen Gott entscheiden.
Wir stecken also in einem Dilemma: Einerseits wollen wir die Freiheit und können sie ja auch gar nicht abschütteln. Wir sind nun einmal verantwortlich für unsere Taten. Gleichzeitig erhoffen wir, dass Gott unsere freie Entscheidung umkehrt, wenn wir etwas anrichten, was sich hinterher als nachteilig erweist. Was also wollen wir nun eigentlich? Nur ein bisschen Freiheit? Eine Rückversicherung gegen unsere eigene Blödheit?
Das Thema hat die Christen seit der frühesten Zeit beschäftigt. Der heilige Paulus spricht im Korintherbrief davon, dass am Ende Gott „alles in allem sei“. Das wurde ansatzweise von dem genialen Kirchenvater Origenes und später sehr explizit von seinen Anhängern als Hinweis auf eine „Allversöhnung“ (griechisch: Apokatastasis) gedeutet. Diese Lehre wurde aber durch verschiedene Konzilien verworfen, um die oben beschriebene Freiheit der Entscheidung zu verteidigen. Und überhaupt: Wohin kämen wir denn, wenn sich jeder Bösewicht mit der Vorstellung herausreden könnte, dass er am Ende doch irgendwie Gnade finden wird und deshalb erst einmal weiter Verbrechen auf Verbrechen häuft. So jedenfalls mögen die Väter dieser Konzilien gedacht haben. Der heilige Augustinus sieht in der endgültigen Verdammung der bösen Seelen sogar einen „Beitrag zur harmonischen Ausgewogenheit der Schöpfung“. Es fällt uns schwer, das heute zu nachzuvollziehen.
Die moderne Theologie versucht den Spagat, indem sie einerseits die Radikalität der Verantwortung für das eigene Heil im Neuen Testament betont (Jesu Gerichtsreden). Andererseits wird deutlich gemacht, dass Gottes Gnade auch noch für den letzten Sünder gelten wird, wenn er sich nicht verstockt abwendet. Es bleibt dabei: Ob hier oder in der Ewigkeit. Man muss wenigstens selber gesund werden wollen. Nur dann kann und will der Arzt helfen. Und wer weiß? Vielleicht fällt die Entscheidung im Angesicht des ewigen Gottes weniger schwer, als das in unserem Alltagsleben der Fall ist. Immerhin haben wir in Jesus Christus einen Anwalt, einen Menschen, der ganz real und handgreiflich all das auf sich genommen hat, wo wir selber immer wieder versagen.
Der Dreifaltigkeit begegnen
Christen glauben nur an einen Gott. Gleichzeitig bekennen wir das der „Vater“ Gott ist. Wir sagen auch das Jesus Christus in Wirklichkeit vollständig Mensch und gleichzeitig Gott ist. Schließlich lehrt unser Glaube das auch der Heilige Geist Gott ist und lebendig macht. Jeder dieser drei hat seine eigene Persönlichkeit Gibt es im Christentum doch drei Götter statt einem?
Es gibt viele Versuche zu erklären, wie drei zugleich einer sein können. Dieses christliche Glaubensgeheimnis nennt man „Dreieinigkeit“ oder „Heiligen Dreifaltigkeit“ Beispielsweise sagt man, dass Sohn und Vater im Heiligen Geist einig sind. Der Heilige Geist wird auch als verbindendes Band der Liebe bezeichnet. Schließlich versucht man zu verdeutlichen, dass Gott zwar einer ist, in seinem tiefsten Wesen aber auch eine liebende Gemeinschaft. Sich gegenseitig liebend, sich austauschend, aber einig. Deshalb bedeute ihm auch die Gemeinschaft mit den Menschen so viel.
Gerne werden zur Verdeutlichung der Dreifaltigkeit drei Kerzen zusammengehalten. Da kann man mit eigenen Augen sehen, dass aus drei Flammen eine wird und ja wohl doch alle drei in sich bestehen bleiben. Letzteres freut den individualistischen Menschen unserer Zeit, der so ungern seine Eigenständigkeit aufgeben mag. Allerdings entstammt jede Flamme einem anderen Docht, einem anderen Ursprung. So kann das bei Gott wohl nicht sein. Er ist ja selbst die einzige Quelle allen Seins. Sehr schön ist auch der Vergleich mit einem Baum. Das große Wurzelwerk symbolisiert den Vater. Er ist der Ursprung und ernährt alles. Aber er bleibt verborgen. Der Stamm ist Jesus Christus, der sichtbar ist, so wie Jesus sichtbar in der Welt war. An so einem Baumstamm kann man Halt finden, sich aber auch kräftig daran stoßen. Schließlich gibt es kaum ein schöneres Sinnbild für den Heiligen Geist, als die rauschende Krone eines mächtigen, alten Baumes. Alle drei, Wurzel, Stamm und Krone sind etwas eigenes, aber gleichzeitig ein Baum. Schließlich sprechen wir auch davon, dass ein Mensch verschiedene Gesichter hat. Wir wundern uns darüber, wie in einem Menschen so unterschiedliche Charakterzüge und Wesen vereint sein können. Warum dann nicht, auf eine sicher viel vollkommenere Weise bei Gott?
Trotzdem bleiben all diese Erklärungsversuche begrenzt. Wie sollte man auch ein göttliches Geheimnis vollständig erklären? Vielleicht hilft uns - wie immer - ein Blick auf Jesus Christus, um diesem Mysterium noch etwas besser nachzuspüren.
Wenn wir ihn auf einem Bild betrachten oder vor unserem geistigen Auge lebendig werden lassen, was sehen wir dann? Einerseits Jesus Christus selbst, wenn auch so, wie wir ihn gezeigt bekommen, oder uns vorstellen. Wir haben nun einmal kein Foto von ihm. Aber so, wie wir in einem Kind die leibhaftige Gegenwart der Mutter und des Vaters sehen, so sehen wir in Jesu Augen, seinen Worten und Taten die Gegenwart des ewigen Vaters. So wie Jesus Christus sieht, redet und handelt, so sieht, redet und handelt Gott der Vater. Im Johannesevangelium heißt es dazu: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ In mittelalterlichen Darstellungen wurden die Gesichter von Sohn und Vater deshalb häufig identisch dargestellt.
Gleichzeitig sehen wir Christus natürlich nicht als realen, lebendigen Menschen, den wir sogleich anfassen können. In unserer Vorstellung sehen wir ihn „im Geist.“ Es wäre wohl falsch zu sagen, dass wir Christus „als Geist“ sehen, wenn wir uns vorstellen, wie er uns täglich durch das Leben begleitet. Der Heilige Geist ist schließlich kein Schlossgespenst. Aber was ist falsch daran zu glauben, dass der Gedanke an Gott, eine reale Berührung des Heiligen Geistes ist. Auch ein Bild oder eine Vorstellung berührt uns ja nur tiefer, wenn dahinter beispielsweise der Geist des Künstlers sichtbar wird.
Manchmal scheint es bequemer, wenn wir nur abstrakt an den nicht greifbaren Gott glauben müssten. Für den Islam beispielsweise ist Gott sehr stark (außer bei den Sufis) der allmächtige, der „Ganz Andere“. Aber der christliche Glaube ist viel direkter. Jesus Christus ließ und lässt sich berühren. In seinem Erdenleben als Mensch und heute in der heiligen Eucharistie und im Gebet. In ihm begegnen wir dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Die unergründliche Majestät Gottes bleibt gleichzeitig bestehen oder besteht vielleicht gerade in der Einfachheit dieser Botschaft von der Menschwerdung und der Auferstehung.
Tradition und Heilige Schrift – das katholische Offenbarungsverständnis
Was ist gemeint, wenn wir vom „Wort Gottes“ reden? Der brave Durchschnittschrist antwortet: Damit meinen wir die Bibel, die das Wort Gottes in den inspirierten Berichten und Erlebnissen der Menschen wiedergibt. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Eine der wichtigsten Lehrschriften (dogmatische Konstitution) des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) beginnt auf Latein mit den Worten „Dei verbum“ und das heißt nicht anderes als „das Wort Gottes“. Aber damit ist nicht die Heilige Schrift gemeint, sondern das „Ewige Wort des Vaters“, die Weisheit, die von Anfang an bei Gott war, ja, die selber Gott ist. Und das wiederum ist letztlich der Sohn Gottes, dessen menschlicher Name Jesus war. Sein Name im Glauben ist Christus, der Gesalbte.
Damit berühren wir einen der wesentlichen Unterschiede, die uns von den Protestanten bis heute trennen. Für die Evangelischen ist die maßgebliche Quelle, aus der letztlich aller Glaube an Jesus Christus erwächst, die Heilige Schrift. Für Katholiken dagegen ist Jesus Christus selbst die eine und unüberbietbare Quelle. Er ist die Offenbarung aus der zwei Ströme der Erkenntnis fließen. Das eine ist die Heilige Schrift, also die Bibel (vom Griechischen „biblos“, das Buch) und das andere ist die Tradition. Die Tradition wiederum ist die Überlieferung von weiteren Schriften und Gewohnheiten zunächst aus der apostolischen Zeit, dann aber auch aus der Zeit der Kirchenväter und aus der gesamten Geschichte der Christenheit. Auch die gewachsene Liturgie ist Teil der Tradition.
Nennen wir ein berühmtes Beispiel. Wohl wird die Vorrangstellung des Petrus, nicht aber die Vorrangrolle des Bischofs von Rom im Evangelium ausdrücklich genannt. Einerseits bezeichnen wir nun Petrus auch als den ersten Papst, also den ersten Bischof von Rom. Das allein wäre aber noch ein recht dünner Beleg für die römische Vorrangstellung. In der frühen Zeit jedoch schreiben mehrere Kirchenväter, dass dem Bischof von Rom eine besondere Bedeutung innerhalb der universalen Kirche zukommt. Das wurde und wird beispielsweise später auch in der orthodoxen Kirche nicht bestritten. Wir haben also relevante außerbiblische Belege, die von frühester Zeit an immer wieder angeführt wurden. Unzweifelhaft hat nun eine heilige, kanonische Schrift, also die Bibel größeres Gewicht, als eine außerbiblische Stelle, auch wenn sie noch so gewichtig und altehrwürdig ist. Wenn aber eine solche außerbiblische Textstelle in keinem ausdrücklichen Widerspruch zur Heiligen Schrift steht, so hilft sie uns doch immerhin, die Heilige Schrift besser zu verstehen. In unserem Falle erhellen die entsprechenden Aussagen die Rolle des Petrusamtes. Deshalb mussten früher und müssten auch heute theologische Aussagen eigentlich auch immer mit Aussagen der Tradition verifiziert werden.
Bei den Protestanten scheint mir die Sache verzwickter. Einerseits beruht die Theologie Luthers auf dem Grundsatz „sola scriptura, sola fidei, sola Christus“. Also: allein die Schrift, allein der Glaube, allein Christus. Das heißt, dass für Luther die Bibel als monolithischer Block eigentlich die unangreifbare Basis aller Lehre und Theologie sein müsste. Andererseits wertet Luther selbst die Stellen im Neuen Testament ab, die seinen Vorstellungen nicht entsprechen. So beispielsweise Passagen im Jakobusbrief, in denen der Autor auch gerechte Werke fordert, die den Glauben beweisen sollen. Luther klingt das zu sehr nach Werkgerechtigkeit. Zudem hat ja gerade die neuzeitliche protestantische Bibelkritik erwiesen, dass die Heilige Schrift auch (aber nicht nur) das Produkt einer historischen Entwicklung und somit geronnene Tradition ist.
Die Tradition als Teil der Offenbarung darf uns nicht gleichgültig sein, auch wenn der Begriff „altbacken“ klingt. Der Prozess der Traditionsbildung ist Garant dafür, dass auch wir in unserer Zeit und mit unseren Entwicklungen und Anliegen in das zeitübergreifende Sein der Kirche einbezogen werden. Was wir heute tun und reden, wird sich im Wesen der Kirche niederschlagen, wenn es sich vor Gottes Geist bewährt.
Der Zölibat in der katholischen Kirche
Der Zölibat ist genaugenommen keine katholische, sondern zum Teil auch eine orthodoxe, beziehungsweise allgemein-religiöse Einrichtung. Während in der katholischen Christenheit aber alle Priester, Bischöfe und Ordensleute zur Enthaltsamkeit verpflichtet sind, gilt die in der Orthodoxie nur für die Mönche und Nonnen. Nur ein Mönch, also ein Zölibatärer darf dort Bischof werden. So wie bei uns die Diakone (der ersten von den drei Stufen des sakramentalen Weiheamtes), kann ein normaler orthodoxer Priester verheiratet sein. Er muss sich aber vor der Weihe ehelich binden. Nach der Weihe kann er keine Ehe eingehen und sollte dann ebenfalls zölibatär leben. Der Zölibat sollte in erster Linie nicht als Pflicht, gar als Zwang, sondern als freie Willensentscheidung angesehen werden. Wer Ordensmann oder Ordensfrau und/oder Priester werden will, sollte diesen Willen mitbringen, auch wenn sicher oft ein Leben lang immer wieder neu darum gerungen werden muss. Ein streng geistliches Leben kann auch ein nicht zölibatärer Christ, je nach seinen Möglichkeiten und Charismen alleine oder in Gemeinschaft leben.
Es ist ein nicht ausrottbares Gerücht, dass der sogenannte Pflichtzölibat eine Erfindung des Mittelalters gewesen sei, um die priesterlichen „Regimenter“ für den Papst zu disziplinieren. Natürlich gibt es für jede religiöse Institution auch soziologische und praktische Gründe. Aber von sehr früher Zeit an kann man das Ideal des Zölibates nicht nur bei den Mönchen und Nonnen, sondern auch bei den normalen „Leutepriestern“ nachweisen. Bereits das Konzil von Elvira von 431 betonte die Zölibatsregeln als alte Vorschriften für alle Priester, die es wieder herzustellen gelte. Dahinter stand mehr als das Argument, auf das manche Kreise heute die Vorteile des Zölibates reduzieren. Denn natürlich ist es ein großer Vorteil, wenn sich „geistliches Personal“ ausschließlich auf die Gemeinde konzentrieren kann, von dieser ebenfalls Zuwendung empfängt und nicht durch eine Familie in Anspruch genommen wird. Aber das allein wäre nur ein pragmatischer Grund. Jesus selbst sagt dagegen, dass es „Verschnittene um des Himmelsreiches willen“ gibt. Da der Priester Christus darstellt, muss er nach katholischem Verständnis ein Mann sein und zölibatär leben.
Manche Menschen haben dieses Charisma von selbst, andere müssen darum immer wieder neu kämpfen. Scheinbar gab und gibt es immer solche, alles auf eine Karte setzen und sich in dieser speziellen Form auf Gott einlassen. Das ist nicht besser und nicht schlechter als andere geistliche Wege, aber man sollte es akzeptieren. Keiner wird dazu gezwungen. Im übrigen ist die Enthaltsamkeit in allen Konfessionen und Religionen ein immer schon existierendes Phänomen. Nicht wenige Religionswissenschaftler sprechen davon, dass man überhaupt erst von einer echten Religion sprechen kann, wenn es solche Enthaltsamkeitsregeln gibt.
Ehen und andere Partnerschaften werden meist mit der festen Absicht geschlossen, dass sie gelingen mögen. Im Normalfall wird man auch den Menschen, die sich dem zölibatären Leben verpflichten zugestehen, dass sie es bei ihrem Versprechen ernst meinen. Aber so wie Ehen und Partnerschaften scheitern können, so kann auch ein zölibatäres Leben teilweise oder ganz scheitern. Während man das eine in unserer doppelzüngigen Gesellschaft weitgehend unkommentiert hinnimmt, stürzt man sich dagegen voyeuristisch auf jeden Priester, der seinen Zölibat gebrochen hat. Privatsphäre existiert dann nicht mehr. Es gibt natürlich keine Entschuldigung für Verbrechen wie Kindesmissbrauch, aber selbst in solchen extremen Fällen muss man neben der Strafe, allen Beteiligten Wege der Heilung offen halten. Das Gleiche gilt ja wohl erst recht für solche, die ihren Zölibat gebrochen haben.
Sehr zu empfehlen sind zwei kleine Bücher zu diesem Thema: „Der Klerikerzölibat – Entwicklungsgeschichte und Grundlagen“ von Alfons Maria Kardinal Stickler, ISBN 3-930309-08-4, 84 Seiten und „Zehn Argumente für den Zölibat – ein Schwarzbuch“, ein humorvoll-ernsthaftes Büchlein von Erfolgsautor Hans Conrad Zander.
Gedanken zum Spenden
Die Frage, wie viel man von seinem Eigentum für einen guten Zweck abgeben soll, stellt sich insbesondere in der Vorweihnachtszeit, weil wir von allen Seiten mit Spendenaufrufen bombardiert werden. Dazu einige Anregungen aus der jüdisch-christlichen Tradition:
"Als Jesus einmal dem Opferkasten (im Tempel) gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel. Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage Euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten geworfen , als alle anderen. Den sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt. " (Aus dem Markusevangelium, Kapitel 12, Verse 41-44).
Jesus Christus also legte die Messlatte hoch. Nicht weniger als alles soll man geben, wenn die Spende mehr als eine Pflichtübung und ein Akt sein soll, den man leicht verschmerzen kann. Zwar darf man annehmen, dass er dies auch im übertragenen Sinne gemeint hat und die Realitäten des Lebens kannte. Aber zu sehr darf man an dieser radikalen Forderung nicht herumrelativieren.
Der Heilige Ignatius von Loyola geht es etwas milder an und schreibt in seinem Exerzitienbuch "Geistliche Übungen" im 16. Jahrhundert ein ganzes Kapitel "Bei der Aufgabe Almosen zu verteilen, müssen die folgenden Regeln eingehalten werden." Er führt als Beispiel ein geberfreudiges Ehepaar an:
"So haben wir bei der Ehe das Beispiel des heiligen Joachim und der heiligen Anna, welche ihr Vermögen in drei Teile teilten: den ersten gaben sie den Armen, den zweiten für den Dienst am Tempel, den dritten nahmen sie für den Unterhalt ihrer selbst und ihrer Familie."
Ignatius will uns wohl einen idealtypischen Zustand vor Augen führen, in dem sich Menschen von der Sklaverei des Geldes unabhängig gemacht haben, ohne die Notwendigkeiten des Alltages zu vergessen. Ihr Ehestand legt Joachim und Anna auf, dass sie nicht alles verschenken können, wenn die Gründung einer Familie nicht zum totalen Fiasko werden soll.
Auch in der jüdischen Tradition finden wir dieses Denken. Der berühmte jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat uns einiges in seinen "Erzählungen der Chassidim" überliefert. Dieses Buch enthält Weisheitsgeschichten bedeutender Rabbiner aus dem alten Osteuropa. So fragt eines Tages die Tochter des frommen Rabbi Barruch ihren Vater, warum er im Gebet darum bat, dass er die Gaben der Menschen nicht braucht. Ohne die Spenden seiner Gemeinde, so die Tochter, habe er keinerlei Erwerb.
"Wisse, meine Tochter," antwortete er, "dass es drei Arten gibt, dem Gelehrten Geld zu bringen. Die einen sagen sich: ich will ihm etwas schenken. Ich bin einer, der ihm Geschenke macht. Das sind die, von denen es heißt: Lasst uns nicht ihrer Geschenke bedürfen. Andere denken: Was ich dem frommen Mann spende, wird mir Gutes eintragen. Die möchten den Himmel sich zinsbar machen; das ist die Leihgabe. Es gibt aber auch welche, die wissen: "Dieses Geld hat mir Gott für den Gelehrten übergeben, und ich bin sein Bote. Sie dienen der vollen und offenen Hand."
Wir sollen uns also nichts einbilden. Was wir haben, haben wir sowieso alles von Gott. Unser Leben genauso wie unsere Güter. Wenn wir davon etwas weitergeben, dann geben wir nur etwas zurück, das uns eigentlich nicht gehört. Geben wir es für einen guten Zweck, dann geben wir es Gott zurück. Es ist dabei durchaus die Überzeugung der großen Religionen, dass Gott dies wohlwollend zur Kenntnis nimmt. Jesus von Nazareth lehrt, dass wir uns mit unserem Gut Schätze im Himmel erwerben sollen, statt unseren Besitz hier auf Erden von Rost und Motten zerfressen zu lassen. Der Idealzustand ist natürlich, wenn man ohne alle Hintergedanken spendet. Aber das muss man zweifelsohne erst lernen, wenn man kein Heiliger ist.
Ein jüdischer Kaufmann, der sich als Schüler dem gelehrten Rabbiner Dow Bär von Mesritsch anschloss musste erleben, dass zeitgleich mit seinen geistlichen Fortschritten sein Vermögen immer mehr schrumpfte. Das klagte er seinem Meister:
"Du weißt doch," antwortete ihm der Meister, "was unsere Weisen sagen: Wer weise werden will, ziehe nach Süden, wer reich werden will ziehe nach Norden. Was soll nun der tun, der beides werden will? Der Mann wußte nicht, was er erwidern sollte. Der Maggid fuhr fort: "Wer sich für nichts achtet und sich zunichte macht, wird geistig, und ein Geistiger nimmt keinen Raum ein, der kann im Norden und Süden zugleich sein."
(Innerlich) reich kann also auch derjenige werden, der ein geistiger, ein geistlicher Mensch ist. Aber auch materieller Wohlstand kann der Seele des Menschen nicht mehr wirklich schaden, wenn er sich zwar um sein Einkommen und Vermögen angemessen bemüht, aber nicht ständig darum ängstigt. Sonst besitzt nicht er sein Geld, sondern das Geld besitzt ihn.
Abgeben sollte man vielleicht immer etwas mehr, als man glaubt verschmerzen zu können. So, dass es gerade anfängt weh zu tun. Man verabreicht sich auf diese Weise in kleinen Dosen den Lernprozess, vom ewigen Haben-Wollen freier zu werden. Klug spenden heißt auch, dass man sich eine Spendenquittung für die Steuer ausstellen lassen darf. Bis zu fünf Prozent des zu versteuernden Einkommens darf man neben der Kirchensteuer als gemeinnützige (und ähnliche) und weitere fünf Prozent als mildtätige Spenden von der Steuer absetzen. Dafür, dass man einen Teil seiner Spende vom Finanzamt rückerstattet bekommt, kann man umso großzügiger ins Portemonnaie greifen. Außerdenm sollte man auch nur renomierten und seriösen Organisationen, die das deutsche Spendensiegel vorweien können, Geld überweisen. Von diesen kann man sich auch konkrete Projekte vorschlagen lassen.
Weihnacht
Wenn wir Weihnachten feiern, so sagt man, feiern wir ein Fest bei dem sich Himmel und Erde berühren. Der Jubel des sich öffnenden Himmels wird stufenweise vorbereitet. Man kann es auch in der traditionellen Ordnung der Weihnachtsgottesdienste nachvollziehen: Die Christmette war ursprünglich eine Gebetszeit, keine „Messe“. Man wartete in der Nacht auf die Ankunft des Herrn. Gefüllt wurden diese Gebete mit dem innigen Wunsch „Komm doch endlich, du Erlöser.“ In der Hirtenmesse, der eigentlichen ersten Messe am frühen Morgen des Weihnachtstages, des 25. Dezember kommen die Menschen wie die Hirten, um das Kind im Stall zu bestaunen. Schließlich aber, vergleichbar mit dem aufbrandenden Jubel der Osternacht, brandet in der Tagesmesse der Weihnachtsjubel auf. Dann endlich reißt der Himmel auf und die Chöre der Engel, die so lange von der Menschheit getrennt waren, sind wieder mit dieser versöhnt.
Manch ein Mensch meint, dass sich in dieser Heiligen Nacht ja ganz offensichtlich nur der gnädige, gute Gott den Menschen offenbart hat. Es ist ja ein großes Gnadengeschenk, wenn Gott mit einem Teil von sich selbst einer von uns Menschen wird, um selber wieder das zu heilen, was Menschen angerichtet haben.
Dagegen wird eingewendet: Es gibt auch einen strengen Gott, einen der in vielen Geschichten des Alten Testaments Schlimmes erlaubt hat und auch heute schlimme Dinge zulässt. Der frühchristliche Denker Dyonisius der Areopagit hat sogar bewusst übertreibend gesagt „Gott ist nicht die Liebe, nicht die Güte, nicht die Gnade," um die Menschen aus einer falschen Sicherheit aufzurütteln und ihnen zu erklären, dass Gott immer ganz anders ist, als wir ihn uns vorstellen können. Außerdem sei der erwachsene Jesus kein „Lieb-Jesulein“ gewesen und oft zornig und drohend, wenn er die Ignoranz der Menschen tadelte. Er werde zwar von den Christen als der milde Richter, aber eben doch auch als der Richter angesehen, der dereinst auf den Wolken des Himmels wiederkomme. Somit sei das mit der Heiligen Nacht zwar alles sehr stimmungsvoll und sehr schön, aber eben doch nur die halbe Wahrheit.
Dazu nur einige wenige Einwände: Erstens ist natürlich jedem Gläubigen bewusst, dass die Klarheit, das Schöne der Christnacht nur ein Teil der ganzen Geschichte, nur ihr Anfang ist. Es gibt eindrucksvolle Bilder, auf denen eine idyllische Krippenszene mit dem Jesuskind, Maria und Josef, Ochs und Esel zu sehen ist. Im Hintergrund hat der Künstler die drei Kreuze auf Golgotha gemalt. Damit will er wohl frühzeitig darauf hinweisen, wohin der Weg dieses Kindes einmal führen wird. Aber freuen wir uns nicht über die Geburt eines jeden Kindes, ohne gleich an all die Missgeschicke zu denken, die ihm zweifelsohne in seinem Leben begegnen werden? So dürfen wir uns auch in dieser Nacht freuen.
Zweitens: Gott ist natürlich das Gute und trotzdem oft so unverständlich. Das Böse kommt nie von Gott. Aber, manches bleibt uns jetzt noch völlig unverständlich. Er lässt uns nicht allein, sondern kommt uns immer wieder zu Hilfe. In der Weihnachtsnacht nimmt nicht nur ein göttliches, sonder auch ein menschliches Leben mit all den schönen und traurigen Seiten seinen Anfang. Entscheidend aber ist: Um das Schönste zu erlangen, nämlich für immer in vollkommenem Glück und Verstehen im Himmel bei Gott zu sein, muss man erst einmal geboren werden. Auch deshalb darf man sich über das Kommen des noch so elendsten und kranken Menschen freuen. Denn er kann im Paradies ein Himmelsgeschöpf werden.
Drittens: Es ist ja gar nicht so, dass die ehrfurchtgebietende Seite Gottes in der Weihnachtsnacht völlig ausgeklammert wäre. Den verschreckten Hirten auf dem Feld muss der himmlische Sendbote erst einmal sagen, dass sie sich nicht zu fürchten brauchen. Die Heiligkeit - das, was uns in die Knie gehen lässt – ist immer mit dabei, wenn Gott sich bemerkbar macht. Liegt nicht vielleicht eine der größten Geheimnisse der Heiligen Nacht genau in diesem vermeintlichen Widerspruch? Da besucht uns eben nicht nur der „Liebe Gott“! Da wird uns nicht nur ein wehrloses Kindlein geschenkt, das alle Probleme löst und es allen recht macht. Auch in dieser Stillen Nacht bleibt er der heilige Gott die gewaltige Feuersäule, die das Volk Israel aus der Sklaverei geführt hat. Er bleibt der Herrscher der Heerscharen, der Schöpfer des Himmels, der Erde und des Alls, der König aller Mächte und Gewalten. Der, der aus grenzenloser Liebe manchmal auch der strenge Gott sein muss. Der wird Mensch.
Ein geistlicher Beruf als Lebensperspektive?
Keine erfundene Szene, sondern wirklich geschehen: Eine gut katholische Familie sitzt in den Weihnachtstagen zusammen und beratschlagt die mögliche berufliche Zukunft der jüngsten Tochter. Alle Ausbildungsgänge und Zukunftsaussichten werden lebendigst debattiert. Jeder preist sein persönliches Beglückungsmodell. Ich sitze daneben und halte mich (ausnahmsweise) zurück. Als man sich nicht einig wird, bringe ich meine kleine Bombe zum Platzen: „Wie wäre es denn, wenn sie Ordensfrau werden würde?“ frage ich so ganz nebenbei. Ungläubiges Schweigen, dann erstaunte Gesichter. Schließlich ein „Was, Nonne soll sie werden?!“ Das kommt in einem Tonfall, als ob ich vorgeschlagen hätte, das Mädchen lebendig einzumauern oder zumindest einen üblen Scherz machen wolle. Ich verteidige meine Anregung: „Das ist doch weitgehend eine angesehene Lebensform und man kann dabei oft weniger belastet dem Evangelium dienen.“ Das könne man auch, so wird erwidert, wenn man sonntags in die Kirche geht. Meine (ironisch-) praktischen Argumente, dass sich eine Ordensschwester meist weniger Gedanken über Steuererklärungen, Karrierestress und Altersvorsorge machen müsse, überhaupt gut abgesichert sei und keinen missmutigen Mann an ihrer Seite dulden müsse, werden ebenso verworfen. Nun muss das arme Mädchen möglicherweise Rechtsanwältin oder, wie der Schreiber dieser Zeilen, Betriebswirt werden.
Die Szene scheint mir symptomatisch. Einerseits beten wir immer wieder um Berufungen für geistliche Berufe. Aber wenn tatsächlich jemand einmal einen solchen Weg bedenkt, oder man ihm vorschlägt so eine „Karriere“ ins Auge zu fassen, dann begegnet einem Unverständnis. Klar, es ist nicht mehr so selbstverständlich wie früher, dass sich in fast jeder großen Familie auch ein oder mehrere Ordensmitglieder fanden. Damals erfüllte das „ins Kloster gehen“ neben der Sehnsucht nach der Heilssuche auch Versorgungsnotwendigkeiten. Bis heute gibt es in Polen das geflügelte Wort, dass es einem nicht schlecht gehen könne, wenn man einen Priester in der Familie habe. (Im Erzbistum Berlin dürfte heute fast das Gegenteil gelten). Oder aber man verband die Sehnsucht nach einem geistlichen Leben mit dem Wunsch einen Beruf auszuüben, der nur Ordenleuten oder Weltpriestern zugänglich war (Pfarrer, Theologe, Krankenschwester ...). Schließlich galt es in Anbetracht einer viel stärkerer als heute empfundenen Angst um das Seelenheil auch stets eine gute Versicherung, wenn wenigstens einer oder eine aus der Familie im Kloster lebte, betete und die Nachlässigkeiten der ganzen Familie sühnte.
Trotzdem: Wir machen immer wieder die Erfahrung, wie schön es sein kann, wenn einem der Priester, eine Nonne oder ein anderer Mensch, der einigermaßen überzeugend eine geistliche Lebensform praktiziert zuhört, Mut zuspricht oder hilft. Die ehelos Lebenden bekennen auch durch ihre geistliche Kleidung, dass sie nicht nur (auch) normale Menschen sind, sondern ihr Leben in einer besonderen Weise Gott und dem Dienst an anderen Menschen geweiht haben. Ob das immer ideal funktioniert ist eine andere Frage, aber ohne Mönche und Nonnen, Brüder und Schwestern wäre die geistliche Landschaft erheblich ärmer. Dabei wird die geistliche Berufung, die einen Menschen zu so einer Lebensform führt zumeist noch akzeptiert. Die Tatsache aber, dass jemand ohne Ehepartner, ja sogar ganz ohne Sexualität leben will, ist jedoch in einer Gesellschaft, in der uns die billigste Pornografie von allen Seiten anspringt, offenbar der allergrößte Skandal für viele Mitmenschen. Sie können einfach nicht akzeptieren, dass andere Menschen damit mal gut, mal weniger gut leben können.
Nach meiner Konversion in die katholische Kirche habe ich im Abstand von einigen Jahren zweimal ernsthaft mit Exerzitien und Aufenthalten in Klöstern geprüft, ob Gott von mir will, dass ich Ordensmann werde. Gebet, Nachdenken und viele Gespräche haben mich gelehrt, dass das wohl nicht mein Weg ist. Für so eine Entscheidung bedarf es meist keiner spektakulären Vision oder einschneidender Erlebnisse. Irgendwann steht die Antwort einfach vor einem. Aber was um aller Welt spricht eigentlich dagegen, dass beispielsweise Achtzehnjährige statt eines freiwilligen sozialen oder ökologischen Jahres ein Jahr in einer Ordensgemeinschaft verbringen, um zu prüfen, ob dieser Lebensweg für sie der richtige ist? Sie würden in jedem Fall viele Möglichkeiten zur Mitarbeit, zur geistigen und geistlichen Fortbildung haben und Erfahrungen machen, die für das spätere Leben nützlich sind. Das gilt natürlich auch für Männer und Frauen, die sich zu einem späteren Zeitpunkt in ihrem Leben mit dem Gedanken tragen, dass Gott sie auf diese Weise in seine Nachfolge ruft. Zeiten des Postulats und des Noviziats vor der ewigen Bindung, ebenso wie Zeiten im Priesterseminar sind ganz bewusst Zeiten der Probe. Von zwei Anwärtern bleibt, so hat man es mir gesagt, meist einer.
Viele andere Aspekte müsste man näher beleuchten: der Aspekt der Berufung, der ja auch eine göttliche Anrede ist. Der Aspekt der Verarmung unserer Gesellschaft, wenn es keine Klöster mehr gibt. Der Aspekt, dass jetzt nach all den Neuerungen und dem anhaltenden Niedergang der Kirchen eine echte Chance der Erneuerung besteht, an der man teilhaben könnte. Der Aspekt der Gottessuche. Die Vielfalt der Orden und so weiter. Darüber hinaus gehörten in den meisten Orden die vielseitige Berufsausbildungen dazu. Ohne das ernste Gebet für Berufungen von Priestern und Ordensleuten geht es sicher nicht. Aber dieser Text will Mut machen, dass man es nicht für gar so abwegig hält, wenn ein Mensch sich für einen geistliche Beruf interessiert. Vielleicht auch dazu, wieder etwas häufiger zu fragen, ob das nicht der richtigen Weg für jemanden oder für einen selber sein könnte. Dazu muss man keinen Heiligen vor sich haben, denn leider leben auch im Kloster nicht nur Heilige.
Einladung zum Stundengebet in der Dominikanerkirche in Berlin
Immer wird irgendwo auf der Erde die Heilige Messe gefeiert und das Stundenbuch der Kirche gebetet. Der Name „Stundengebet“ leitet sich von der Tageseinteilung der alten Mönchsgemeinschaften her: Matutin (Frühgebet), Laudes (Morgenlob), Terz (dritte Stunde nach Sonnenaufgang, also 9 Uhr), Sext (Mittagsgebet), Non (15 Uhr), Vesper (Abendgebet) und Komplet (Tagesabschluss) strukturieren den Tag auch geistlich. Der Mensch soll aus der Geschäftigkeit des Alltages immer wieder an das Wesentliche – das Gespräch mit Gott - erinnert werden. Im frühen Christentum war es üblich, dass Laien und Kleriker das Stundengebet auch zusammen beteten. Später wurde es zu einer Gebetsform, die fast nur Priester, Mönche und Ordenfrauen übten. Priester sind heute noch zum regelmäßigen Stundengebet (auch Brevierbeten genannt) verpflichtet. Über Jahrhunderte wurde es in unterschiedlichsten Formen und regionalen, künstlerischen oder Ordenstraditionen ausgestaltet. So beispielsweise die berühmte Marienvesper von Claudio Monteverdi. Das letzte Konzil knüpfte an die Traditionen der Kirchengeschichte an und öffnete das Stundengebet auch offiziell wieder für die Laien. Es ist der Wunsch der Kirche , dass möglichst viele Menschen diese Gebetsform praktizieren. In der Dominikanerkirche St. Paulus werden die Laudes (7 Uhr 30) und die Vesper (18 Uhr 30) von Montag bis Freitag, am Samstag nur die Laudes um 8 Uhr 30 und die feierliche Vesper am Sonntag vor der Abend/Konventsmesse um 18 Uhr 30 gebetet. Das normale Stundengebet besteht aus einer festgelegten Form von geistlichen Gesängen, Psalmen, Lesungen aus Altem und Neuem Testament, Fürbitten, Vater Unser und Segen. Dazu kommen Einleitungs- und Abschlussverse (Antiphone) und je nach Tradition bestimmte weitere Lieder und Riten. So endet beispielsweise jede dominikanische Vesper mit einem „Lumen ecclesiae“ (Licht der Kirche), einem Lied auf den Ordensgründer Dominikus. Mitunter ist es nicht nur für den Neuling beim Chorgebet etwas verwirrend, wenn man zwischen den verschiedenen (ausliegenden) Stundenbüchern und dem Gotteslob hin- und herblättern muss. Gerne helfen andere Mitbeter und unsere Patres sagen die Seitenzahlen meistens vorher an. Man lernt schnell das Wichtigste und kann sich dann bald auch innerlich auf die Texte einlassen. Wochentags beten oft nur einige wenige sprechend. Am Sonntag wird die ganze Vesper gesungen. Aber auch wer meint, keine wunderschöne Stimme zu haben, ist jederzeit willkommen. Das Stundengebet heißt nicht umsonst auch „Chorgebet.“ Jeder so gut, wie er kann. In keinem Fall ist das Stundengebet nur den Ordensleuten oder den Angehörigen des Dritten Ordens vorbehalten. Auch einige evangelische Christen gehören zu den regelmäßigen Stundenbuchbetern in St. Paulus.
„Veritas“ Darf man heute noch an die letzte Wahrheit glauben?
Immer wenn das Fest des Heiligen Dominikus (8. August) bevorsteht, sticht den Besuchern der Berliner Dominikanerkirche eine alte Altardecke ins Auge. Über dem gestickten schwarz-weißen dominikanischen Ordenskreuz steht nüchtern in Latein ein einzelnes Wort: „Veritas“, zu Deutsch „Wahrheit“. Nicht mehr und nicht weniger.
Zumal in der heutigen Zeit steckt hinter diesem einfachen Wort ein ungeheuerlicher Anspruch: Eine Religionsgemeinschaft, ein Orden, nimmt für sich in Anspruch die Wahrheit, die letzte absolute Gewissheit für alle Fragen zu besitzen. Und diese lautet für die Christen, dass der eine, unfassbar große, gnädige und gewaltige Gott selbst Mensch geworden ist, damit wir nach Tod und Auferstehung Gott ähnlich werden können. Das war radikal, das ist radikal und das wird immer radikal sein. Es kann nur entweder verrückt oder wahr sein. Heute wirkt es für viele Zeitgenossen sogar gefährlich und verbohrt, weil sich so viele Menschen weltweit in der Abwehr religiöser Fanatiker und Fundamentalisten in einem Dialog der Religionen um die Aufdeckung der Gemeinsamkeiten aller Glaubensrichtungen bemühen. Glauben wir nicht alle an den gleichen Gott? Wenn man aber das Gemeinsame zu betonen sucht, dann kann es tatsächlich gefährlich sein, wenn einzelne immer wieder auf ihren jeweils exklusiven Wahrheitsanspruch hinweisen.
Dazu einige Gedanken:
Eine Religion ist nur eine Religion, wenn sie an etwas Letztes, Absolutes glaubt. Sie kann es nicht rational beweisen. Wenn sie keine letzte geglaubte Wahrheit hat oder um des gemeinsamen Konsenses willen nicht ausspricht, dann ist sie keine Religion.
Auszusprechen, dass man glaubt, eine letzte, absolute Wahrheit zu besitzen, heißt nicht, dass man sich dadurch arrogant über andere erheben will. Im Gegenteil: Der Muslim, der Christ oder Jude, der wirklich fest davon überzeugt ist, dass er die kostbarste aller Glaubensperlen gefunden hat, der muss ja auch annehmen, dass er Gott besonders ernsthaft dienen soll. Oder ist es nicht für den Christen eine ganz besondere Herausforderung, dass Gott nicht nur allmächtig in den Himmeln sitzt, sondern sogar als Mensch unsere eigenen Sorgen, Freuden und Nöte geteilt hat?
Es ist wichtig die Gemeinsamkeiten zu betonen. Schon die mittelalterliche Theologie lehrt, dass man nur so die notwendige Verständigung ermöglichen kann. Will man aber nur die Gemeinsamkeiten betonen, so könnte sich daraus zwar ein minimaler Konsens entwickeln, der kurzfristig dem Massengeschmack einer harmoniesüchtigen Gesellschaft gefällt, letztlich aber zur Verniedlichung des Religiösen führt. Und eine niedliche Religion ist immer auch eine zahnlose Religion, die bald verdampft.
Jeder Dummkopf hat gelernt, dass man mit Gewalt und Zwangsmission heute keinen Blumentopf mehr gewinnen kann. Ohne Mission geht es aber auch nicht. Wovon das Herz voll ist, darüber will der Mensch reden und vielleicht auch andere überzeugen. Wir sind - Gott sei Dank - zum friedlichen Wettstreit der Überzeugungen verurteilt. Wer aber keine starken Argumente, keinen Glauben an eine letzte Wahrheit hat, der braucht gar nicht erst zu diesem Wettstreit anzutreten.
Man kann sich – insbesondere in unserer säkularen Gesellschaft – über jeden ehrlich gläubigen Menschen freuen. Sei er nun Christ, Buddhist, Muslim oder sonst irgendetwas. Gemeinsam können wir der zweifelnden Welt gegenübertreten und sagen: „Ja, da gibt es noch etwas ganz anderes.“ Aber irgendwann wird jeder einzelne gefragt, was das eigentlich Besondere am eigenen Glauben ist.
„Veritas“ - Wir glauben an diese letzte Wahrheit im Vater und im Sohn und im Heiligen Geist. Wir glauben diese in sich liebevolle Gemeinschaft, die ein, der eine Gott ist. Es ist doch einfach unüberbietbar toll, dass Gott einer von uns geworden ist! Wir zeigen das auch stolz aber nie überheblich. Es ist Verpflichtung und manchmal auch Last, wenn wir beispielsweise mit Gottes Geboten und seiner Vorsehung hadern und/oder uns einfach nicht bessern wollen oder können. Unser Glaube lässt sich nach den Regeln moderner Wissenschaft nicht beweisen. Dann wäre es ja auch kein Glaube. Aber genauso wenig kann uns bewiesen werden, dass unsere Wahrheit keine Wahrheit ist.
Zwei Leserbriefe aus „Die Kirche – Evg. Wochenzeitung Berlin“ zum Thema Abendmahl – Eucharistie“ Gott essen ( aus: Nr. 43, Seite 6) Wenn Professor Klän von der Selbstständig Evangelisch-lutherischen Kirche (SELK) sagt, dass nach lutherischer Auffassung Brot und Wein beim Abendmahl nach der Konsekration Leib und Blut Christi sind und wirklich mündlich empfangen werden, so könnte man meinen, dass es dann gar keinen Unterschied zur katholischen Abendmahlslehre gäbe. Das ist aber nicht der Fall. Während nämlich nach katholischer Auffassung Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu verwandelt werden, wie er ihn bis zu seinem Tod am Kreuz hatte, lehrt Luther, dass die Verwandlung in die zweite Leibform Christi erfolgt, das ist die, die er zwischen Auferstehung und Himmelfahrt gehabt hat. Das sollte den Christen, die solch ein Interview lesen, nicht vorenthalten werde. Aber eine Aufnahme Gottes durch den Mund erfolgt in beiden Fällen, wenn es auch viele der lutherischen Abendmahlsgäste gar nicht wissen, die weitgehend der Meinung sind, alles hätte symbolhaften Charakter. Man hat sie halt nie so richtig aufgeklärt. Teilweise trifft diese auch auf die lutherischen Pfarrer zu. Dies mag in der SELK ganz anders sein. Wenn man mit lutherischen Pfarrern spricht, welche die Wandlung im Oben genannten Sinne vertreten, wird man meist auf Johannes 6,56 verwiesen: „Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Dass dies gleichnishaft und nicht naturalistisch gemeint ist, wird aus Vers 63 desselben Kapitels deutlich. Dort heißt es: „Der Geist ist’s, der da lebendig macht; das Fleisch ist nicht nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.“ Doch darauf habe ich noch nie eine Antwort bekommen. Man verfährt aber weiter in dem traditionellen Ritus und meint, Gott zu essen ist eine der frömmsten religiösen Tätigkeiten. Bei aller Achtung vor jedermanns Glaubenshaltung stelle ich die Frage: Ist es nicht angebracht, einmal vorurteilsfrei aufgrund der genannten biblischen Aussagen über diese Dinge zu reden? Vielleicht kommen wir und dann näher und brauchten nicht mehr von Trennung zu sprechen. Hermann Stiehler, Leipzig
Eine Antwort auf den Leserbrief von Hermannn Stiehler drei Wochen später von Olaf Lezinsky
Oh Du armer, verkopfter Vernunftprotestantismus! Warum ist es für manche Menschen so schwer zu akzeptieren, dass sich Gott uns ganz hingegeben und sich uns in der Eucharistie immer noch ganz hingibt? Es ist eben ein Wunder, so wie die ganze Menschwerdung und Gottes Heilsplan ein Wunder ist. Er will sich tatsächlich in Leib und Seele mit uns vereinigen. Aber wenn ich ihn „esse“ und „trinke“, dann passiert das nicht materiell. Es „knacken“ also keine Knochen und es wird ein kein „Fleisch zermalen“, wie das meines Wissens nach der Mönch Paschasisus Radbert im frühen Mittelalter formuliert hat und was von der Kirche wegen übertriebenem Realismus verworfen wurde. Sondern Gott vereint sich uns dem tiefsten eigenen Wesen nach, also „substantialiter“ unter der Gestalt (der Akzidenz) von Brot und Wein. Selbst der Heilige Thomas von Aquin hat kein Problem vom „Zeichen“ zu sprechen, „unter dem Gottheit wahrhaft hier ist“, weil man ein Wunder eben nicht rational vollständig erklären kann. Und auch Thomas bittet, dass einst der Schleier fallen möge, der uns jetzt noch von der letzten Erkenntnis trennt. (Gottheit tief verborgen… / „Adoro te devote, 13. Jh., Thomas von Aquin). Eine rein symbolhafte Sichtweise des Abendmahls zerstört dagegen die Radikalität und Absolutheit des göttlichen Aktes der Hingabe, den wir selbst nur im Glauben fassen können. Oder würde man als Christ analog zu behaupten wagen, dass Gott nur symbolhaft Mensch geworden ist, obwohl gerade dies für viele nichtchristliche Religionen ein echter Stein des Anstoßes ist? Man kann sich der Angelegenheit, so meine ich, auch nicht ausschließlich biblisch nähern. Man braucht eben auch die, über zwei Jahrtausende gewachsene Interpretation, die Tradition und das authentische Lehramt der Kirche. Sonst ist dem gegenseitigen „Um die Ohren hauen“ von Bibelstellen Tür und Tor geöffnet. Eine protestantische Lieblingsbeschäftigung! Immerhin, Herr Stiehler, hat Jesus von Nazareth auch gesagt: „Wer mein Fleisch nicht isst und mein Blut nicht trinkt, der kann an mir kein Anteil haben“! Schon damals reagierte man darauf ähnlich befremdet, gar angewidert wie heute so viele. Und das hat auch nicht der Jesus der „zweiten Leibform“, also der Jesus nach der Auferstehung und vor der Himmelfahrt, sondern der höchst irdische Jesus gesagt. Luthers Interpretation scheint mir auf den ersten Blick, wenn es denn so ist wie Sie schreiben, scheint mir eine Spekulation zu sein, die ebenfalls den vermeintlichen „Skandal“ erträglicher machen soll. Aber darüber müsste man auch aus ökumenischer Sicht genauer nachdenken, denn meines Wissens nach wird das traditionell lutherische Abendmahlsverständnis als mit dem der allgemeinen Kirche vereinbar angesehen. Es hilft nichts, man muss sich dem Ungeheuerlichen stellen. Er will wirklich in uns eingehen. Die Eucharistie ist eine geistige und gleichzeitig eine reale Speise. Olaf Lezinsky, Berlin
Was wusste Jesus?
Es gibt ein bedeutendes Werk der mittelalterlichen Theologie dessen Titel „Vom Wissen Christi“ lautet. Auf der Grundlage von Aussagen der Heiligen Schrift und der Kirchenväter (Schrift und Tradition) versucht der Franziskaner Bonaventura zu ergründen und zu beschreiben, in welcher Weise der Christus (Logos, Wort, Sohn, Weisheit) - also die zweite Person der göttlichen Dreiheit in dem einen Gott - weiß, erkennt und begreift. Was aber war mit dem Menschen Jesus? Was wusste er über seine göttliche Rolle? Wie nahm er Dinge und Erlebnisse wahr? Welches Bewusstsein hatte er? Darf man ihn überhaupt getrennt vom Logos, von Christus betrachten? Hinter diesen Fragen steht die Frage nach dem Verhältnis von göttlicher und menschlicher Natur im irdischen Jesus. Wir wissen ja aus den diversen Aussagen in den Evangelien, dass der Mensch Jesus von Nazareth nicht allwissend war („Nur der Vater kennt die Stunde“, „Wer hat mich berührt?“), dass er lernen konnte („Er nahm zu an Weisheit“, Erstaunen über die Reaktion von Heiden, die ihn bekennen) und dass er „angreifbar“ war (Versuchung in der Wüste, Versuchung im Garten Getsemane). Aber warum ist das eigentlich wichtig? Eine grundsätzliche Aussage des großen Glaubensbekenntnisses ist, dass Jesus Christus gleichzeitig wahrer Mensch und wahrer Gott, „unvermischt, unverwandelt, ungeteilt, ungetrennt und erkennbar“ ist.
Das maßgebliche Glaubensbekenntnis der Väter von Chalcedon (451 n. Chr.) betont also eindringlich, dass in Jesus von Nazareth nicht nur der Gott (Christus) sondern auch die menschliche Natur (Jesus) am Wirken war. Damit wird die Würde der menschlichen Natur betont, auf die der allmächtige Gott sich in seiner Liebe tatsächlich eingelassen hat. Was bliebe auch sonst von der Würde der menschlichen Natur übrig, wenn schon der Mensch Jesus immer allwissend und allgewaltig gewesen wäre? Dann hätte das Menschliche - der freie Wille des Menschen insgesamt – kein Gewicht. Wir könnten dann, um es etwas überspitzt auszudrücken, nicht an unserer eigenen Befreiung mitwirken. Letztlich wären wir nur Marionetten Gottes. Nun war es aber offensichtlich nicht so. Jesus konnte – so lehren es die Evangelien - zweifeln, verzweifeln, staunen, ruppig gegen andere sein und sich manchmal auch nur einfach ganz menschlich naiv freuen. Das war vielen Interpreten in der frühen Kirche unheimlich. Wie, beispielsweise im Islam, sollte Gott n u r göttlich sein. Sie wollten sich nicht auf das Radikale des christlichen Glaubens einlassen in dem Gott Mensch wird. Jesus wurde in ihren Erklärungen beispielsweise zu einem Scheinleib herabgestuft, oder zu einem guten Menschen, von dem Gott lediglich zeitweise Besitz ergriffen habe. (Doketen, Arianer, Nestorianer u.a.). Alles was ihnen je nach Belieben „ungöttlich“ erschien, konnte auf diese Weise ganz einfach dem nicht-göttlichen Menschen Jesus zugeordnet werden. Das Gott tatsächlich ganz und gar Mensch geworden sei, wollte man nicht gelten lassen.
Trotzdem kann man sich diesem Denken auch wieder nicht ganz verschließen, wenn man es nicht verabsolutiert, wie das die Häretiker taten. Denn wenn man Jesus zu sehr „vermenschlicht“, dann reduziert man das Göttliche, das Unüberbietbare in seiner Person. Bis heute gibt es in der katholischen Theologie zur Erklärung des Verhältnisses von göttlicher und menschlicher Natur in Jesus viele Theorien. Die traditionelle Lehre betonte, dass Jesus von Kindheit an alles wusste, es aber nicht sogleich klar erfasste. Die mittelalterliche Scholastik (Thomas von Aquin) unterschied verschiedene Erkenntnisweisen in Jesus Christus. Und auch die moderne Theologie unterscheidet in verschiedenen Ansätzen unterschiedliche Erkenntnis- und Wissensebenen zu den verschiedenen Zeiten im Leben Jesu. (Vgl.: http://theol.uibk.ac.at/itl/178-5.html, ein Angebot der Uni Innsbruck).
Die Wahrheit werden wir erst bei Gott erfahren. Mir scheint aber, dass man sich diesem Geheimnis mit dem gesunden Menschenverstand und dem Herzen nähern sollte. Selbst wenn wir wissen, wo unsere Fehler liegen, wie wir handeln sollten oder was unsere eigentliche Berufung ist, so handeln und hoffen wir doch oft anders. Erst langsam erschließt sich, nach vielen Um- und Irrwegen im Leben das, was wir vielleicht unterbewusst doch schon immer gewusst haben. Jesus folgte konsequent seiner Berufung, aber war insofern Mensch, als dass er hoffte und glaubte seine Freunde durch Lehre und Beispiel gewinnen zu können. Als klar wurde, dass er einen radikalen Weg gehen musste um die Schöpfung zu befreien, hat er, ganz menschlich, furchtbare Angst gehabt. Letztlich aber hat er nicht gezögert und ist den Kreuzweg in einer ganz neuen Weise ohne Hass gegangen. Als Mensch und Gott hat er uns den Weg zu Gott „freigeräumt.“ Gehen müssen wir diesen Weg mit seiner Hilfe aber selber.